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Der Kirchturm der Christuskirche

Antonin Dvorak: Stabat Mater

Dieser Text wurde von KMD Andreas Hantke für das Programmheft des Konzerts des großen Chores der Christuskirche am 13.11.2010 verfasst.

,,Weint mit den Weinenden” (Römer 12, 15)

Wie wichtig Mitgefühl für den Menschen ist, zeigt Dvoràk in seinem ,,Stabat Mater”

Das ,,Stabat Mater” ist ein mittelalterliches Gedicht, ein Zwiegespräch des Verfassers mit der Mutter Jesu, in dem er mit der Frau mitleidet. Es ist teilweise wie eine Anrufung der Maria formuliert, was daran liegt, dass es in vorreformatorischer Zeit gedichtet wurde. Wir wissen allerdings, dass es kein Gebet sein kann, denn seit der Zeit Jesu kann der Christ laut biblischer Aussage selbst zu Gott beten, braucht keine Vermittlung mehr durch Menschen. Dvoràk (1841-1904) teilt diesen Text in zehn Sätze auf. Dabei gelingt es ihm, zehn verschiedene klangliche Ebenen des Mitleids und des Mit-Leidens zu komponieren.

1) Wie flirrendes Licht in der Mittagshitze am Berg Golgatha, so exponiert der Komponist sein Werk. Die innere und äußere Ödnis wird durch einen einzigen Ton ausgedruckt, der bald in ein chromatisches Lamento-Motiv übergeht. Die Leere und Fassungslosigkeit des Betrachters geht über in Mitgefühl mit der Frau, die da steht. Stammelnd, jedes Wort einzeln hervorstoßend übernimmt der Chor den Text ,,Stabat – mater – dolorosa”.
Der groß angelegte erste Satz greift bereits alle Gefühlswelten der Frau auf: verzweifelte Schreie, leises Seufzen, plötzliche Wut, introvertierte Niedergeschlagenheit, Schmerz, penetrantes Wehklagen – Hoffnung?

2) Der Dichter lässt sich hineinziehen in die Situation. Jeder muss doch mitweinen angesichts dieser Verzweiflung! In ruhigen Linien folgen die Solisten der Aussage. Nur beim ,,Warum” werden sie etwas schärfer: ,,Für die Sünden seines Volkes!” Danach zeichnen sie in einem weichen Zweitaktmotiv die Erlösung nach, die ja daraus resultiert. Einmal noch klagt der Bass lauthals die Sünder an, dann stirbt Jesus; fast flüsternd schildert das Quartett, wie er seinen Geist aushaucht.

3) Nun wendet sich der Dichter in Ich-Form erstmals direkt an Maria:
Lass mich ein Stück des Trauerweges mitgehen. Wir gehen zusammen, schleppend, in der Art eines Trauermarsches. Arm wäre ich dran, wenn ich nicht mit dir trauern könnte. Aber Trauer braucht Zeit, darum wiederholt der Komponist auch das Motiv ,,damit ich mit dir trauere”: lugeam – lugeam….

4) ,,Lass mein Herz brennen in Liebe zu Christus!” singt eine kräftige Männerstimme. Vielleicht muss man nicht gleich so übertreiben wie Petrus in der letzten Nacht oder derart überreagieren wie kurz zuvor der Jünger, der dem Kriegsknecht Malchus sein Ohr abschlug. Aber man darf schon spüren, wofür das Herz schlägt!

5) Der fünfte Satz, die Mitte des Werkes, erklingt, wie auch die beiden folgenden Sätze, in Dur – erstmal Dur in diesem Werk. Ist es einer der vielen lateinischen Ausdrücke für das Wort ,,Sohn”, hier ,,Tui nati”, der ,,von dir Geborene”, der Dvoràk zurückschauen lässt auf die Kindheit Jesu? Erinnert er sich selbst an die glückliche Zeit mit drei Kindern, die gerade erst in schneller Folge gestorben sind? Denkt Maria zurück an das Wiegen des Kindes? Tröstet sie ihren Sohn Jesus? Wie vormals als kleines Kind in Bethlehem oder auf der Flucht nach Ägypten? Bei solchen Gedanken an vergangene Zeiten ist es natürlich umso schmerzlicher, sehen zu müssen, was jetzt mit ihm geschieht!

6) Naive Frömmigkeit, volkstümliche Melodien, ein Glaube, der fest verwurzelt ist – das sind Aspekte der Religiosität, die Dvoràk aus seiner slawischen Heimat kennt. All das zeigt er uns hier: eine Melodie, von der einmal jemand sagte, in unserer Zeit wäre sie hitparadenverdächtig; und einen Glauben, der unerschüttert besteht, ,,solange ich leben werde”. Wie Dvoràk im 3. Satz die ,,Trauer” (lugeam) wiederholte, so kehrt zum Ende dieses Stückes die Klage (,,in planctu desidero”) wieder und wieder und wieder.

7) Unschuldig und rein wie Maria, die als Jungfrau ihren Sohn geboren haben soll, so klingt auch dieser Satz. Lediglich wenn die Pracht, das Strahlende dieser Frau geschildert wird, baut sich auch die Musik bis zum forte auf.

8) In ausgedehnten Seufzerphrasen leidet der Mensch mit dem Gekreuzigten. Er folgt seinem Erlöser nach – so wie der Tenor hier stets dem Sopran folgt. Unnachgiebig kontrapunktieren die tiefen Orchesterstimmen die Ursache des großen körperlichen Leidens: die Hammerschlage der Kriegsknechte. Selbst die Solisten verwenden dieses Motiv, sobald von ,,pas-si-onis”, vom ,,Leiden” die Rede ist.

9) In majestätischen Achteln kündigt sich das Gericht an. Die Altstimme, von je her oft als ,,anima”, Vertreterin der Seele verwendet, lässt sich vom tiefen Gefühl der weinenden Mutter ,,entflammen” und braucht sich ,,durch das Kreuz beschützt” selbst vor dem Tag des Gerichtes nicht mehr fürchten.

10) Der Schluss greift in verkürzter Form das Lamento des 1. Satzes wieder auf; der Text ,,Wenn der Leib sterben wird” wird vom Chor ähnlich vorangetrieben wie dort. Doch wo sich zu Beginn noch jede Steigerung in ein ,,lacrimosa” stürzte, endet es hier im ,,paradisi gloria”, zweimal auf den kräftigsten und strahlendsten Akkorden. Im schnelleren Schlussteil verbindet sich das Anfangsmotiv des 1. Satzes mit einem bewegten Motiv, das sich angesichts des ,,Paradieses Herrlichkeit” leicht als das Schweben der Engel interpretieren lässt. Dieses himmlische ,,Amen” wird nur noch einmal unterbrochen, um den Chor den Text noch einmal mit aller Wucht und aller Freude deklamieren zu lassen, bevor der Flügelschlag sich gen Himmel verflüchtigt und leise entschwebt.

veröffentlicht von ta am 14. Mai 2010, 10:00 | 0 Kommentar(e)

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