Kirchenfenster

Die geistliche Botschaft der Glasfenster von Helmut Ammann

von Eberhard Pabst

Christus ist unserer Kirche nicht nur als Name gegeben, er ist auch vom Relief über dem Haupteingang, das den Auferstandenen zeigt (Joh.11, 25), über das Altarkreuz bis zu den Fenstern in der Apsis das zentrale Thema unseres Kirchengebäudes. Wenn man unsere Kirche betritt, bekommt man durch die drei Fenster zunächst einen Eindruck von Farbe und Festlichkeit. Im Einzelnen findet man dann bei genauem Hinschauen eine Fülle von biblischen Geschichten und Bezügen. Vieles entdeckt man erst, wenn man bis in die Apsis nach vorn geht. Der Künstler Helmut Ammann, der ein gläubiger, sehr bibelkundiger Mann war, hat biblische Szenen in bewusster Auswahl miteinander verschmolzen in die Fenster aufgenommen. Man kann darin vieles deuten, selbst entdecken, sich durch die Bilder und deren symbolträchtige Farben anregen lassen. Hier sei eine alle drei Fenster umfassende Deutung angeboten. Die Deutung der einzelnen Szenen findet man bei den Detailbildern.

Das mittlere Fenster

Im mittleren Fenster zentral im Kirchenraum und zentral im ersten Eindruck eines jeden hier eintretenden Menschen, thront der auferstandene Jesus, der Christus. Dem Pantokrator in orthodoxen Kirchen ähnlich, überstrahlt er den ganzen Kirchenraum. Man möge nicht nur ein Fensterbild sehen, sondern einen Zuspruch von IHM selbst. Über diesem Bild die Flammen des Heiligen Geistes, darunter der Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen. So zeigt dieses Fenster Jesus den Auferstandenen, den verheißenen Messias des Alten Bundes, offenbart durch den Heiligen Geist, den Sieger über das Böse und den Tod, Jesus den Christus.

Das linke Fenster

Im linken Fenster sieht man oben hinter einem geöffneten Vorhang eine geheimnisvolle Hand über den Gestirnen und dem Paradies. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.“ (Johannes 1,1-2) Diese Hand weist hin auf das Wort, also auf den Vater und ebenso auf Gottes Sohn, der im geglaubten Geheimnis von Anfang an da war, auch über den aus dem Paradies vertriebenen Menschen. Im Fenster folgt nach unten Jesu Versuchung – Gottes Sohn ganz Mensch. Weiter unten seine Vollmacht über Krankheiten und Tod. In einem besonders eindrücklichen Bild von der Stillung des Sturms, ganz unten im Fenster, wird seine Vollmacht über Naturgewalten gezeigt. Auch dabei zu sehen ist das verschiedene Verhalten von Menschen gegenüber ihm, gegenüber Gottes Sohn.

Das rechte Fenster

Im rechten Fenster ist oben die Verklärung, in der Mitte die Speisung der 5000 und unten die Kreuzabnahme dargestellt. Das sind drei für unser tägliches Christsein besonders bedeutende Ereignisse von Erlösung. 
In der Verklärung (Matthäus 17,1) wurde drei Menschen eine persönliche Gotteserkenntnis geschenkt, und das ist im Glauben geheimnisvoll auch heute jedem Menschen angeboten. Das ist Befreiung, das heißt Erlösung aus der Gottferne. Das Speisungswunder (Lukas 9), ein Vorbild für unser Abendmahl, bedeutet irdische und zugleich geistliche Sättigung, also Erlösung vom Hunger nach dem Brot des Lebens. Möge man es beim gottesdienstlichen Abendmahl neu erfassen.
Das Opfer Jesu bis zum Tod am Kreuz, hier in dem eindrücklichen Bild von der Kreuzabnahme, ist die Erlösung von aller Schuld und Trennung von Gott. Die Erlösung ist geschehen für uns alle, aber sie muss ganz persönlich von Jesus dem Erlöser angenommen werden. Zwei Gesichter hier im Bild, das des entschlossenen Joseph von Arimathäa und das eines halb abgewendeten Zweiflers zeigen dies sehr eindringlich. Das rechte Fenster mit seinen drei Bildern von Erlösung bedeutet darum Jesus den Erlöser.

Als Tenor der drei Fenster zusammen kann man nun deuten: „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“. So lautet unser kürzestes Glaubensbekenntnis, und so leuchten unsere Fenster in ihrer Fülle uns entgegen – ganz besonders bei Morgensonne. Und man kann in den drei Fensterspitzen auch Vater, Sohn und Heiligen Geist, die Dreieinigkeit sehen.

Die Bilder im mittleren Fenster

Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen
Der Erzengel Michael besiegt den Drachen, das Symbol alles Bösen (Offenbarung 12,7). Dies ist ein Abbild unserer tagtäglichen Herausforderung im Kampf mit ungutem Tun aller Art.

Der Drache – das Böse
Sein Auge ist wach, seine Zunge züngelt rot, er ist noch voll Leben, aber durch den Lanzenstich doch schon besiegt. Das ist es, wenn wir beim Gloria allem Bösen zum Trotz singen: „Nun ist groß Fried ohn’ Unterlass, all Fehd’ hat nun ein Ende.“

Der Heilige Geist
Sieben Flammen in schimmernden Farben sollen uns der unsichtbaren, erlebbaren Realität des Heiligen Geistes näher bringen.

Der thronende Christus
Dieses Bild des auferstandenen Jesus ist die Zusammenschau einer Fülle von Stellen aus Offenbarung, Jesaia u.a. . „Ein Regenbogen war um seinen Thron“ und er hatte die dunkle Erde „zum Schemel seiner Füße“. Von ihm ausgehendes Licht durchdringt die ihn umgebende Mandorla und durchstrahlt den ganzen Kosmos. In seiner Linken hält er, der „das A und das O“ ist, das „Buch des Lebens“ mit den Namen der Seinen. In seiner Rechten hält er „sieben Sterne“, „die 7 Gemeinden“, das bedeutet die ganze Ökumene und die ganze Menschheit. Das heißt: Er hat uns in seiner Hand, nicht der Kaiser, und nicht Mithras, die beide das Siebengestirn als Symbol besaßen. Also auch nicht heutige Mächte! Das Antlitz des Auferstandenen ist in diesem Fenster nur schemenhaft zu erkennen. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass er für uns da ist, aber nicht nach unserem Belieben verfügbar.

Der thronende Christus – Detail
In diesem Bildausschnitt sieht man zwischen den anbetenden Engeln, wie ein Zipfel des roten Umhanges Jesu die dunkle Erde umhüllt. Wir sind in vielerlei Dunkel, aber er ist uns trotzdem nahe.

Die Bilder im linken Fenster

Schöpfung
Die Schöpfung ist nicht darstellbar. Hier im Fensterbild schwenken Engel beiderseits den Vorhang zur Seite von dem eigentlich Verborgenen. Das Geheimnis dahinter ist ausgedrückt durch die Schöpferhand und die Gestirne. „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ (1. Mose 1,5).

Schöpfung – Ausschnitt
Schöpfung Gottes, ein Geheimnis

Vertreibung aus dem Paradies
Die Paradiesgeschichte sagt: Der Mensch lebt zwischen Gottes Weisung und der Schlange, zwischen Gut und Böse. Er will selber sein wie Gott, kann es aber nicht. Links der Baum mit Paradiesfrüchten und der Schlange.

Vertreibung aus dem Paradies – Detail
Die Vertriebenen – sie sind aber trotzdem unter Gottes Hand. Die Anordnung im großen Fensterbild zeigt es.

Versuchung Jesu
Die Versuchung Jesu sagt uns: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott.
Er steht auf dem Berg über der Stadt Jerusalem und spricht: „Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen“ und „… da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ (Matthäus 4,1-11)

Versuchung Jesu – Ausschnitt
Gottes Sohn bis in die Dunkelheit hinein auch ganz Mensch, dadurch angedeutet, dass der schwarze Nimbus des Versuchers sich vor den weißen Nimbus Jesu schiebt. So kann der Böse auch bei uns das Licht verdunkeln, so sehr, dass der Mensch manchmal nicht mehr weiß, dass die Hand Gottes über ihm ist. Der Teufel ist wie im Evangelium als Person dargestellt. Das wollen viele nicht wahr haben.

Jesu Vollmacht
Ein Mensch an Krücken, der aus einem Besessenen ausfahrende böse Geist, zwei Blinde mit Stab und das schwarze, leere Grab mit Knochen und leeren Leichentüchern zeigen Jesu Vollmacht über physische, psychische und Geistesmächte
Anmerkung: Hier können ggf. die Bilder: linkes Fenster 135, 146, 147 zusätzlich angeordnet werden.

Stillung des Sturms
Eine besonders lebendige Szene unserer Fenster. Wellen greifen wie mit Krallen nach dem Boot, der Sturm bläst ins Segel. Man sieht die Jünger, einige mit Segel und Ruder zornig kämpfend, einige sich nur festhaltend, einige in dunkler Angst. Aber einer wendet sich an den schlafenden Jesus.

Stillung des Sturms – Detail
Der zum schlafenden Jesus betende Jünger ist Bild für unser ganz persönliches Hinwenden zu ihm, ganz gleich ob wir ihn gerade als den „fernen“ oder den „nahen“ Gott erleben.

Die Bilder im rechten Fenster

Verklärung
Die Verklärung Jesu nach Matthäus 17,1. Links Mose mit den Gesetzestafeln, rechts der damals als Messias erwartete Elia.
Der verklärte leuchtende Jesus mit der symbolischen Fingerhaltung seiner rechten Hand (Dreieinigkeit und zwei Naturen Jesu). Einer der noch im Dämmern liegenden Apostel erfasst schon, vom leuchtenden Strahl getroffen, die ihm gegebene Erkenntnis. Ein Apell, eigene geschenkte Momente zu erfassen.

Speisung
Jesus mit irdischen Broten und Fischen und zugleich mit Nimbus. Es geht also um irdische und zugleich um geistliche Sättigung (Lukas 9).

Speisung – Detail
Beim Abendmahl können wir uns, wie hier im Bild, mit im Kreis stehend erleben.

Kreuzabnahme
Die Kreuzabnahme in intensiver Darstellung. Sie erinnert auch an das „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Beachtlich die vielen Einzelheiten: Leichentuch, Leiter, Grab, Schädel. Eindrücklich auch die roten Wundmale, die Sonnenfinsternis, der zerrissene Vorhang im Tempel, die drei Frauen am Kreuz und Veronika mit dem Schweißtuch.

Kreuzabnahme – Detail
Wo sieht sich der Betrachter: im entschlossenen Joseph von Arimathäa oder im halb abgewandten Zweifler?