Der Birnbaum im Pfarrgarten - Lesen Sie selbst!

In den nächsten Wochen veröffentlichen wir exklusiv auf der Homepage der Christuskirche Auszüge aus dem jüngst erschienenen Buch „Der Birnbaum im Pfarrgarten", in dem Christoph Lindenmeyer die Geschichte der Christuskirche im Nationalsozialismus nachzeichnet. Darin finden sich Dokumente von Mut und Verblendung, Anpassung und Widerstand – die Menschen selbst erzählen uns ihre Geschichten. Sie tun das in Worten, die im historischen Abstand vielleicht fremd anmuten. Trotzdem kommen wir ihnen nah, begreifen, wie schwer es war, unter der Knute der Diktatur Christ zu sein und Mensch zu bleiben, und erleben, wie doch in mutigen Momenten Menschlichkeit und Glaubensstärke aufstrahlen.

Lesen Sie

  • in der ersten Leseprobe vom Streit zweier Pfarrer über einen gefällten Baum – bei dem es gleichzeitig um vieles als die Frage von Recht und Unrecht geht und wem das knappe Heizmaterial zusteht,
  • in der zweiten Leseprobe von den Männerabenden der Christuskirche, die Ausdruck der damaligen Bekenntnisbewegung waren und nur mit Mitgliedskarte besucht werden konnten,
  • in der dritten Leseprobe von der bitteren Armut im Viertel und den berührenden Versuchen praktischer Hilfe,
  • in der vierten Leseprobe mehr darüber, ob es sich für Diakonissen schickte, Rad zu fahren oder sie besser hätten den Bus nehmen sollen,
  • in der fünften und letzten Leseprobe was Christoph Lindenmeyer bei seiner Arbeit im Archiv und mit den Dokumenten bewegt hat.

Alle Leseproben aus:
Christoph Lindenmeyer: Der Birnbaum im Pfarrgarten
Eine evangelische Gemeinde im Nationalsozialismus
Verlag Anton Pustet, Salzburg 2019
ISBN 978-3-7025-0954-5

Das Buch ist im Pfarramt der Christuskirche und im Buchhandel zum Preis von 24,00 Euro erhältlich.

Leseprobe 1: Der Streit um den Birnbaum

Über den Birnbaum gibt es eigentlich nichts zu berichten. Er steht im Pfarrgarten am Dom-Pedro-Platz 5. Die herbstlichen Böen und der Feuersog der Luftangriffe auf München-Neuhausen fegten wahrscheinlich die vertrockneten, angesengten Blätter bis zur Braganzastraße und gegenüber an den Zaun in der Dom-Pedro-Straße. Den Winter, den Frühling, den Sommer und den einsetzenden Herbst hat er sicher gut überstanden. Die Erntedank-Festumzüge und die Aufmärsche der Nationalsozialisten.

Über diesen Birnbaum wäre also nichts zu sagen, außer dass es ihn in diesem Jahr 1945 immer noch gibt und dass ihn vielleicht jene Menschen besonders mögen, die unter seinen Ästen verweilten. Die evangelische Christuskirche ist eine Ruine, schon seit einem Jahr. Ausgebrannt: das Kirchenschiff mit dem Altar, die Orgel, die Empore. Der Dachstuhl zerstört. Die Haube des Kirchturms. Von innen ist die Sicht zum Himmel ungestört. Zwei Glocken des Kirchturms waren längst auf Befehl des NS-Beauftragten für den Vierjahresplan, Generalfeldmarschall und Reichswirtschaftsminister Hermann Göring, beschlagnahmt und abtransportiert worden: Und zwar durch die „Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplans über die Erfassung von Nichteisenmetallen“ vom 15. März 1940, vom Evang.- Luth. Landeskirchenrat, die im vertraulichen Schreiben an die Pfarrämter und exponierten Vikariate der Evang.-Luth. Kirche in Bayern mit Nachdruck noch einmal bekannt gemacht worden war. Die Kosten dafür übernahm die Reichsstelle für Metalle. An den Glockenklöppeln bestand offensichtlich kein Interesse. Sie blieben zurück. Bis [S. 14] Dezember 1942 lag dem Pfarramt der Christuskirche keine Bescheinigung über die Beschlagnahme der „Metallspende“ vor, wie sie von den Behörden zugesagt worden war. Erst 1943 hatte die Reichsstelle für Metalle und in deren Auftrag die örtliche Kreishandwerkerschaft eine Empfangsbestätigung vorgelegt. Sie war immer wieder vergeblich angemahnt worden.

In der apokalyptischen Stadtlandschaft der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, dem jetzt völlig zerstörten München, steht also dieser Birnbaum im Jahr 1945, über den im Archiv des Pfarramts der Christuskirche keine Beschreibung vorliegt. Niemand hat ein Gedicht über den Baum geschrieben. Niemand einen Liedtext verfasst. Warum auch? Der Birnbaum ist vorhanden, hat vielleicht im Herbst Birnen abgeworfen. Es gibt unzählige Birnenarten, auch die Pastorenbirne, aber wir wissen nicht, ob am Baum Geißhirten- oder Williamsbirnen wuchsen, Sommer- oder Herbstbirnen oder auch Winterbirnen. So lange der Birnbaum im Pfarrgarten steht, spielt er keine Rolle. Vielleicht auch trägt er gar keine Birnen mehr. Vielleicht ist sein Astwerk längst morsch. Es gibt jetzt – weiß Gott! – ganz andere Probleme. Da interessiert sich doch niemand für einen Baum im Pfarrgarten. Aber heute, am 26. November 1945, entdeckt Pfarrer Kutter, seit 1929 zunächst 3. Pfarrer in der Gemeinde, dass dieser Baum gefällt worden ist. Ein unglaublicher Vorgang, und jetzt wird er zum Streitobjekt zwischen dem 1. Pfarrer der evang.-luth. Christuskirchengemeinde, München-Neuhausen, Kirchenrat Ernst Kutter und dem gerade in die Stephanusgemeinde in Nymphenburg berufenen, bisherigen Seelsorger des 2. Pfarrsprengels, Kurt Frör. Darüber müsste nicht unbedingt berichtet werden. Wen geht dieser Streit vor Jahrzehnten schon etwas an?

Aber so ganz privat ist die Sache nicht. Denn der Streit um den Birnbaum zeichnet das Psychogramm von Persönlichkeiten, die ganz andere Sorgen haben, und er beschreibt die Not der Zeit. Die Nerven liegen blank. Die soziale und seelsorgerliche Lage in der Gemeinde kommt einem Notstand gleich. Der Schock über die Kapitulation des einstigen Großdeutschen Reichs ist bei vielen Menschen stärker als die Freude an der Befreiung, es ist kalt, es gibt zu wenig Heizmaterial, und die meisten Menschen hungern, auch in dieser Gemeinde. Die Namensliste der im Krieg und bei den Luftangriffen ums Leben [S. 15] gekommenen Gemeindeglieder wächst und wächst, andere sind noch immer vermisst. Niemand weiß, ob sie noch am Leben sind. Die Angst vor Denunziation und Verfolgung wandelt sich, sie bleibt, aber jetzt hat sie andere Motive. Die Arbeit in der Gemeinde ist kaum noch zu schaffen, die finanziellen Mittel sind knapp. Der Dauereinsatz gilt für die Pfarrer, die Mitglieder des Kirchenvorstands, die Diakone oder deren Vertreter, die Gemeindeschwestern und die vielen Helferinnen und Helfer in der Nähstube, im Besuchsdienst, in der Frauen- und Männerarbeit, in der Jugendarbeit der Pfarrgemeinde. Pfarrer Kutter organisiert und schreibt und organisiert und schreibt: an seine Gemeindeglieder in Kriegsgefangenschaft, so wie er ihnen immer zuverlässig Briefe und Literatur an die Front geschickt hatte, er schreibt an die US-Besatzungsbehörden, an die Familien von Gefallenen, an städtische Ämter, an seine vorgesetzten landeskirchlichen Institutionen, an Freunde, Mitarbeitende und Kollegen, an Handwerksbetriebe und Organisationen. Das Dritte Reich existiert nicht mehr, nur in vielen Köpfen wuchert es weiter, und die Bürokratie dieser frühen Jahre sorgt dafür, dass die Schreibmaschinen im Pfarramt fast ununterbrochen im Einsatz sind. Es ist – weiß Gott! – genug zu tun. Und trotzdem schreibt Pfarrer Kutter seinem Kollegen Kurt Frör einen Brief. Er ist empört. Er ist zornig. Denn es geht um diesen Birnbaum im Pfarrgarten, der nicht zum Privatbesitz zählt. Pfarrer 1 schreibt an Pfarrer 2:

Ich sah erst heute, dass im alten Pfarrgarten ein grosser Birnbaum gefällt wurde und dass er von Dir für Deinen persönlichen Gebrauch aufgearbeitet wird. Ich halte das nicht für recht. Du bist weder nach der Abberufung noch unmittelbar vor der Abberufung berechtigt, den Baum zu fällen und das Holz für Deine eigenen Zwecke mitzunehmen. Du hast den Baum nicht gepflanzt. Du könntest sagen: „Aber ich habe während meiner Amtszeit andere Bäume gepflanzt und nehme nun diesen Baum für die gepflanzten Bäume mit.“ Aber die während Deiner Amtszeit gepflanzten Bäume wurden auf Kosten der Kirchenstiftungskasse gepflanzt. Sie sind daher ebenso Eigentum der Pfarrpfründe wie der gefällte Baum. Ich will keine Staatsaktion aus der Sache machen, aber ich möchte es Dir doch sagen, dass ich Dein Handeln als nicht recht empfinde.

[S. 16] Zur Erinnerung: Pfarrer Kurt Frör, 2. Pfarrstelle der Christuskirchengemeinde, hatte keine Entscheidungsgewalt mehr in der Gemeinde der Christuskirche. Schon gar nicht über Arbeiten im alten Pfarrgarten. Doch Frör wehrt sich gegen solche Vorwürfe.

In Deinem „brüderlichen Schreiben“ scheinst Du mir doch sehr mit zweierlei Mass zu messen. Bekanntlich hast Du Holz vom Dachstuhl des Gemeindehauses, das Eigentum der Kirchenstiftung ist, an die Familien des Gemeindehauses verteilt, ohne dass sie dafür etwas bezahlt haben. Ich will nicht davon reden, dass Du mich dabei übergangen hast, obwohl Du seinerzeit das Abfallholz aus dem 2. Pfarrhaus auch an alle verteilt hast. Umso mehr aber hättest Du Anlass gehabt, dann mir den alten morschen Baum zu überlassen, der wie jenes Holz Eigentum der Kirchenstiftung ist. Nachdem die Sache aber einmal zur Sprache gekommen ist, will ich nicht als einer erscheinen, der sich zu guter Letzt an dem Eigentum der Kirchenstiftung unrechtmässig bereichert. Ich habe mir von der Gärtnerei Danner eine Aufstellung geben lassen über die Preise, die im Durchschnitt für die seinerzeit von mir auf Rechnung der Kirchenstiftung neu gepflanzten Obstbäume gelten. Der Preis eines Baumes erreicht im Höchstfall 5 Mark. Die Aufstellung liegt bei. Ich werde daher der Kirchenstiftung den Betrag von 5.- Mk. überweisen für einen der damals gesetzten Obstbäume, damit ich den Ersatz für den gefällten Baum aus der eigenen Tasche bezahlt habe.

So schreiben sich die Kollegen „mit amtsbrüderlichem Gruß“ ihren Ärger vom Leib. Am 30. November 1945 antwortet Ernst Kutter:

Zu Deinem persönlichen Schreiben teile ich Folgendes mit. Zunächst lehne ich es ab, dass der Baum, welchen Du hast fällen lassen zu einer Zeit, da Du kein Recht mehr an dem Garten hattest, mit 5 Mark bezahlt werden soll. Ich nehme das Geld nicht an. Was hier geschehen ist und wie es nun beglichen werden soll ist echte Frörsche Unverfrorenheit. Zu den anderen Darlegungen teile ich Folgendes mit. Das Brandholz vom Dachstuhl des Gemeindehauses ist mit Zustimmung aller Hausbewohner nach Befragung des Kirchenbauamtmannes [S. 17] an die Hausbewohner des Gemeindehauses verteilt worden. Ein Teil wurde ausgenommen und für gemeindliche Zwecke reserviert. Die Bewohner des Gemeindehauses hatten ein Anrecht auf dieses Holz, da die Zentralheizung, die nicht genügend durchgeführt werden konnte und nun ganz ruht, trotzdem monatlich bisher mit der Miete weiterbezahlt wurde. Ich habe seinerzeit ausdrücklich die Frage besprochen, ob der 2. Pfarrer auch Anteil an der Verteilung dieses Holzes bekommen soll. Sie wurde verneint. Das Abfallholz des 2. Pfarrhauses wurde zum allergrössten Teile vom 2. Pfarrer selbst genommen. Das lässt sich noch feststellen von dem Holz, welches der 2. Pfarrer reserviert hat in dem neuen dem Konfirmandensaale liegenden Zimmer. Das seinerzeit gerecht verteilte Abfallholz stammte zum allergrössten Teile von der zerstörten Kirche. Ich stelle fest. Am besten bei der Holzverteilung ist jedenfalls der 2. Pfarrer weggekommen, der selbst dafür sorgte.

Nun noch ein nicht brüderliches, sondern ein menschliches Wort zu der ganzen Angelegenheit. Die Handlungsweise, dass ich nach Antritt meiner neuen Pfarrstelle einen grossen Baum fällen lasse in mir nicht mehr zustehendem Grundstück und den Holzwert dieses Baumes dann mit dem Werte eines ganz kleinen Baumes begleichen will und das alles erst auf einen freundlichen Wink hin, erinnert mich stark an nicht arische Handlungsweise. Mir kommt es hier nicht auf das Holz an, auch nicht auf die Begleichung des Holzwertes, sondern darauf, dass hier eine Handlungsweise vorliegt, welche ich nicht stillschweigend übergehen durfte. Ich versuchte sie in brüderlicher Weise darzulegen. Du hast in die Sache einen anderen Ton hineingetragen.

Es hätte für mich einen Reiz, diesen Ton aufzugreifen und auf vergangene Zeiten zurückzugreifen und sie einmal auf Tapferkeit und auf Feigheit zu prüfen, auf Ehrlichkeit und das Gegenteil. Aber ich höre immer wieder einen anderen Ton: „Lass Dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse durch Gutes.“ Darum will ich weiter ringen, aber es könnte doch einmal notwendig werden zu reden, anstatt zu schweigen. Das aber darf ich wohl einmal sagen. Ich habe in schweren Augenblicken Deines Lebens unter Hintansetzung meiner Person zu Dir gestanden. Hätte ich damals nicht gewagt, Du wärest verloren.

[S. 18] Pfarrer Ernst Kutter und Pfarrer Kurt Frör: Sie standen in klarem Gegensatz zur „Weltanschauung“ des Nationalsozialismus, der eine später, der andere von Anfang an. Der Ältere, Ernst Kutter, brauchte Zeit, um für sich die Nazi-Ideologie und ihren Führerkult zu entmythologisieren, aber es gab niemanden in der Gemeinde, der ihm eine Nähe zum NS-Regime nachgesagt hätte – im Gegenteil: Kutter, mehrfach von Hausdurchsuchungen durch die Gestapo betroffen, musste sich gegen Denunzianten wehren, die ihm vorwarfen, in seiner Arbeit als Pfarrer aktiven Widerstand zu leisten. Der Jüngere, Kurt Frör, war seit Beginn in der Pfarrbruderschaft, in der Bekenntnisgemeinschaft, der späteren Bekennenden Kirche aktiv und stand in einer schroffen Ablehnung des „Deutschen Christentums“, wie es von den Nationalsozialisten theologisch und organisatorisch gewaltsam etabliert worden war. Der jüngere Pfarrer, mehrfach in Haft, wirkt in seinen Briefen aufbrausend. Ungeduldig. In jedem Fall: leidenschaftlich und zornig. Dabei hatte ihn Kutter immer wieder, wie er schreibt, vor Schlimmerem bewahrt. Wie der Streit um den Birnbaum im Pfarrgarten endete? Die Korrespondenz im Archiv der 1. Pfarrstelle in der Christuskirchengemeinde ist nicht vollständig. Nur eines ist sicher: Der Birnbaum wurde verheizt. So oder so. Der Zorn verrauchte auf beiden Seiten nicht so schnell, zumal es noch ein anderes Problem gab. Darüber soll später berichtet werden.

 

Leseprobe 2: Einlass nur mit Mitgliedskarte

 

Die Männerabende der Christuskirchengemeinde sind – das wurde schon erzählt – sehr gut besucht. Mal kommen weniger als 100 Männer zusammen, mal sind es wesentlich mehr. Natürlich gibt es auch regelmäßige Veranstaltungsangebote für die Frauen in der Gemeinde, aber die meisten Protokolle dokumentieren, was vor allem an den Männerabenden diskutiert wurde. […]

 

Zur Erinnerung: Diese innerkirchlichen Versammlungen gab es seit dem Herbst 1933, als die Nationalsozialisten versuchten, nicht nur die Kirchenvorstände zu unterwandern, sondern die Ideologie des Deutschen Christentums in den Gemeinden verbreiteten. Die Männerabende galten als Bildungsveranstaltungen im Sinne der Aufklärung und theologischer Vergewisserungen und Selbstvergewisserungen angesichts der sich rasant verbreitenden nationalsozialistischen Weltanschauung. […]

 

Wie nun? Was denkt der 1. Pfarrer der evangelisch-lutherischen Christuskirche wirklich? Der 2. Pfarrer mag gelegentlich genervt sein von seinem Vorgesetzten. Ernst Kutter wehrt sich gegen Übergriffe des NS-Regimes und seiner Organisation auf die Glaubensfreiheit, die der Kern seiner reformatorischen Kirche ist, und zugleich zeigt er sich als von der diplomatischen Vision eines Vermittlers angetrieben, im Gespräch mit den Nationalsozialisten zu bleiben und trotzdem Widerspruch, in zahlreichen Fällen auch Widerstand zu leisten. Ein Blick in die weiteren Protokolle der Männerabende am Dom-Pedro- Platz beziehungsweise in der Braganzastraße lohnt sich. Protokoll des Männerabends am 23. November 1934: Herr Pfr. Weber eröffnete die Versammlung und sprach über das Thema: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Was will der My. ds. 20. Jahrh.? Welches ist seine Stellung zum Christentum? Welches ist unsere Stellung zu ihm? Disk. Herr Pastor Kayler nahm Stellung zur gegenwärtigen kirchl. Lage. Seine Meinung zielte in seinem letzten Satze: „Ich brauche nur den Namen Müller zu hören, dann steigt mir die Galle!“ [Müller = Reichsbischof Müller des Deutschen Christentums. Anm. des Autor] Pfr. Henninger führt im Blick auf die kirchliche Lage aus: Unser Kampf ist nicht zuende, erst die Fronten haben sich gezeigt. Jetzt wird erst entschieden, wohin unser Volk geht. Worum geht es bei alledem? Es geht darum, daß Gott abgesetzt wird. Etwas schmackhafteres als Gott! – Man sagt es uns etwas zarter, indem man uns kitzelt mit den Worten von unserem Blut. Wenn wir nichts anderes haben, dann werden wir ein Reich bauen, das in aller Kürze zerbricht. Das römische Reich ist aus nordischem Blut gebaut worden und ist auch zerbrochen. Was Rosenberg lehrt, ist das: Gott, so wie ihn die Bibel lehrt, hat von der Bildfläche zu verschwinden. Dieser Gott wird abgesetzt und an seiner Stelle ist Gott in [114] uns, daher wir selber. Wir selbst sind die Gottheit. R. will dem menschlichen Bedürfnis nachkommen und Gott streichen. An seine Stelle die germanischen Charakterwerte setzen. Diese sind das „Ewige“, nach dem sich alles zu richten und einzustellen hat. Das Bedenkliche aber ist, daß das Buch vom Privatmann R. geschrieben wurde, aber daß das Buch nun in Kreisen offiziell maßgebend für den kommenden Deutschen Menschen angesehen wird und durchgearbeitet wird. Ein deutsches Volk, das sich dem Herrn Christus entzieht, das bereitet sich den Untergang. Um die Kirche braucht uns nicht bang sein, – die hat einen ewigen Herrn, – bange ist uns aber um unser Volk! Protokoll des Männerabends am 22. Februar 1935: Laut Anwesenheitsliste war der Abend von 52 Herren besucht. – Die Leitung des Abends lag in den Händen von Herrn Pfarrer K u t t e r. Pfarrer H a u c k sprach über das Thema: „Seele, Blut und Rasse“ An der an den Vortrag sich anschliessenden Diskussion beteiligten sich die Herren: Pfarrer Kutter, Major Ableitner, Hauptlehrer Vogt und Professor Bucherer.
Pfarrer Kutter: Wo, wie bei Rosenberg, Blut, Rasse u. Staat (auch Technik) zum Götzen gemacht wird, müssen wir als Christen schärfsten Einspruch erheben und aufs entschiedenste dagegen ankämpfen.

 

Protokoll des Männerabends am 12. Februar 1937:
Thema: Totalitätsgedanke und Christuswirklichkeit.
Redner: Vikar Hildmann
Der Vortragende gliederte seinen Vortrag in drei Abschnitte.
1. Der christliche und staatliche Totalitätsgedanke.
2. Die Verbreitung des Totalitätsgedankens in der Welt.
3. Die besondere Entwicklung des deutschen Totalitätsgedankens.
Ein Christ muß sich bestimmen lassen von Christus her. Dieser ist der Blutstrom von dem sich ein Christ durchpulsen lassen muß. Ein Christ formt nicht sich selbst, sondern er wird geformt vom lebendigen Gott. Dies geschieht durch das Wort der Bibel, in der uns die absolute Wahrheit offenbart ist. Für den Christen gibt es nur eine unumstößliche Wahrheit, das Wort der heiligen Schrift und einen unbedingten, totalen Anspruch [115] auf den ganzen Menschen, nämlich den seines Christus. Die Schau aller Dinge und die gesamte Weltanschauung wird bestimmt und geformt von dem Christus der Schrift. Wo ein Staat Weltanschauung machen will, muß er notgedrungen in das religiöse Gebiet übergreifen. Er wird somit zum Religionsstaat. Der Führer eines solchen Staates wird zum religiösen Führer. Die Propagandaredner sind Prediger, Apostel. Die Weltanschauung ist Religion, die von
der Schau des Staates und Volkes aus bestimmt wird. Es ist dies vielen nicht klar und es ist schwer die Idee des Weltanschauungsstaates als eine religiöse Idee zu erkennen. Es ist deshalb so schwer,
weil wir immer noch mit unseren christlichen Vorstellungen, die wir von Religion haben, an diese Dinge herangehen. Aber so wie Christus, selbst von den Christen, noch nicht klar erkannt und total gelebt wird, so wird auch der totale Staat noch nicht von seinen Anhängern klar erkannt. Die Idee des totalen Religionsstaates ist heute überall zu finden. In Sowjetrussland, seine Religion ist der extreme Sozialismus. In Japan heißt es: Volk und Kaiser! Seine Religion ist die Wiedererneuerung des asiatischen Imperiums. Christliche japanische Offiziere wurden hingerichtet, weil sie den Eid auf den „göttlichen Kaiser“ nicht leisteten. In Italien ist es das gleiche mit dem Faschismus. Die „Ehe“ zwischen Papst und Faschismus war deshalb möglich, weil sich hier nur 2 Brüder erkannten.
(Kirchenstaat – Politik!)
Italien: Nichts außerhalb des Staates, alles für den Staat! Es ist das Wesen des totalen Staates sich seinen Menschen zu bilden. Einen Menschentyp zu schaffen, der über allem die Idee des Staates sieht. Staatlicher Totalitätsgedanke.
Ist Deutschland ein religiöser Totalstaat? Er ist auf dem Wege es zu werden. Die Vernebelungstaktik die auf seiten des Staates geübt wird ist schuld, daß sich NSDAP und Kirche noch nicht klar erkannt haben. Am deutlichsten stehen sie sich gegenüber in SS und Bekenntnisfront. (Die SS ist ein religiöser Orden – Kirchenaustritte!) Nach Christus kann es keine unchristlichen Religionen mehr geben, sondern nur noch antichristliche. Eines Tages werden sich die Nebel lichten und NSDAP und Kirche werden sich im Lichte erkennen. Aber es ist die Frage, ob es dann nicht zu spät sein wird. Wir dürfen nicht auf Katastrophen warten. Es ist durchaus nicht feststehend, daß sich die Spannungen eines Tages entladen. Das Ziel geht dahin, solange Unklarheit zu lassen, bis in aller Stille ein neues Gebäude [116] geschaffen ist. (Bild von der Eisenbahnbrücke). Eine Eisenbahnbrücke wird nicht auf einmal eingerissen, sodaß es allen Leuten sichtbar ist, sondern während oben die Züge ruhig weiter fahren, werden allmählich die Pfeiler ausgewechselt, und eines Tages steht eine neue Brücke da, ohne daß man viel merkte.
Drum ist Vorsicht geboten, daß uns nicht der totale Staat, der durch Presse, Radio und Schule arbeitet, beiseite schiebt, ohne daß es jemand merkt.
Das Protokoll, geschrieben von Diakon W. Schinner, vermerkt abschließend:
Anwesend: 110 Männer.

 

[…]

Am 7. Januar 1935, es ist kalt in München, meldet die Christuskirche die Anmeldung von 750 Personen für die Bekenntnisgemeinschaft der Neuhauser Gemeinde. Es sind 332 Männer und 418 Frauen, die namentlich einen Ausweis der Bekenntnisgemeinschaft beantragen, der künftig bei allen innerkirchlichen Veranstaltungen vorzuzeigen ist. Die Personenkontrollen sollen sicherstellen, dass keine Spitzel an den Gemeindeabenden und an Vorträgen teilnehmen. Wer seine Unterschrift leistet und seine Adresse einträgt, muss über Mut verfügen.
Denn der Staat liest mit. So oder so.

 

Leseprobe 3:Not und Hilfe

Wir schreiben das Jahr 1932. September. Der Kalender muss zurückgeblättert werden. Die Pfarrer der Christuskirche verfassen einen gemeinsamen Text für den Druck eines Handzettels, der in der Gemeinde verteilt werden soll.

Liebe Glaubensgenossen
Größer als je ist die Not des kommenden Winters. Viele unserer Gemeindeglieder haben das Nötigste zum Leben weit nicht mehr. Wie sollen zum Beispiel Familien von 5 Köpfen mit 30 oder gar 25 Mark monatlich, welche ihnen nach Abzug der Wohnungsmiete und der Licht- und Gasrechnung zur Nahrung und Kleidung übrig bleiben, noch bestehen können, ohne hungern und frieren zu müssen? Da bleibt für das nackte Leben einer Person nicht einmal ein Liter Milch täglich. Stadt und Staat sind nicht mehr in der Lage weiter zu helfen. Sie stehen am Ende der Kraft. Nun brandet die ganze, uferlose Not an das Pfarramt an. Vom Pfarrer und der Gemeinde, die Sonntag für Sonntag für die Not des Volkes beten, wird die letzte Hilfe erwartet. Versagt diese, so steht die Verzweiflung an Gott und Menschen vor der Türe. Wohin sie führt, zeigt uns die erschütternde Selbstmordziffer in unserem Volke.
Im Mitgefühl dieser Not wagen wir Pfarrer es wieder, uns bittend an unsere Gemeindeglieder zu wenden, die bisher – mit aufrichtigem Danke sei es gesagt – so willig und so reich gegeben haben, viele fast über ihre Kräfte …
Manchen Gemeindegliedern fällt es schwer, eine Geldgabe zu geben, aber sie können mit Lebensmitteln dienen, etwa einem Pfund Mehl, Zucker oder Anderem. Solche Gaben an Lebensmitteln sind herzlich willkommen in unserer Pfundsammlung im Gemeindehause.
[252] Schuhe und Kleider aller Art lassen wir gerne auf Mitteilung abholen. Wir können alles durch die Werkstätten der Inneren Mission herrichten lassen und dadurch verwenden.
Die Kinderspeisung, welche im letzten Winter soviel Dank und Segen wirkte, soll auch in diesem Winter durchgeführt werden. Wir bitten alle Familien der Gemeinde, welchen es möglich ist, ein armes Kind zu Tisch zu nehmen oder ihm einen Mittagstisch durch Bezahlung im Gemeindehause zu ermöglichen. (35 Pfg. pro Mittagstisch).
In einer Zeit, in welcher Hunger und Kummer durch die Gemeinde schreitet, gibt es nur ein Mittel, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, die Tat der helfenden Liebe. Darin wollen wir evangelische Christen uns von niemand übertreffen lassen. Nach ihr fragt unser Meister, Jesus Christus, aber auch die Welt. Sie brauchen unsere notleidenden, evangelischen Brüder. Unsere Christuskirchengemeinde will eine lebendige Gemeinde sein. Dann muß von ihren Gliedern bezeugt werden können: „Die Liebe ist die größte unter ihnen“.
Mit glaubensbrüderlichem Gruß!
Kutter Weber Ammann

Dann wird es Dezember. Der Evangelische Verein München-Neuhausen e.V., das Evang.-Luth. Pfarramt der Christuskirche und der Evangelische Armenverein München-Neuhausen wenden sich wieder an die Öffentlichkeit der Christuskirchengemeinde.

Lieber evangelischer Christ!
Der Winter naht. Er wird hart und schwer werden. Er wird uns allen zu schaffen machen. Aber es gibt viele Volks- und Glaubensgenossen, die laufen Gefahr von der Last dieses Winters erdrückt zu werden. Sie sind ohne Arbeit, ohne Brot, ohne ausreichende Kleidung. Sie werden unzufrieden. Gewissenslose und gottlose Elemente machen sich diese Unzufriedenheit zu Nutze. Was dann kommt, brauchen wir nicht besonders anzusprechen.
Wir dürfen als Christenmenschen an dieser Not nicht vorübergehen.
Wir müssen helfen, soweit wir noch können.
Wie können wir helfen?
Wir brauchen Brot!
Wer erklärt sich bereit einmal oder mehrere Male in der Woche einem armen Kinde ein warmes Mittagessen zu geben? Für eines reicht es immer [253] noch. „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“ sagt Jesus (Mark.9.37.)
Wer übernimmt die Bezahlung eines oder mehrerer Essen in der Woche aus einer Küche, die wir einzurichten gedenken? (ca. 40 Pfennige). „Brich dem Hungrigen dein Brot“ sagt die Hl. Schrift (Jes.58.7.)
Wir brauchen Kleidung!
Im Pfarramt (Erdgeschoß) ist eine Kleiderstelle errichtet. Kleidungsstücke aller Art werden mit Dank angenommen. Für die Instandsetzung wird gesorgt. „Wer sich der Armen erbarmt, der leihet dem Herrn; der wird ihm wieder Gutes vergelten.“ Sprüche 19.17.
Wir brauchen Holz und Kohlen – wir brauchen Lebensmittel aller Art – wir brauchen Geld!
Wir dürfen nicht warten, bis die armen hungernden Menschen, von der Not getrieben, sich das holen, was wir ihnen jetzt freiwillig zu geben verpflichtet sind.
Tue jeder an seinem Teil, was ihm noch zu tun möglich ist! Dann werden wir der Not einigermaßen begegnen können.
Wir erlauben uns eine Karte, sowie eine Zahlkarte beizulegen und bitten um Ausfüllung und Rückleitung.
„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ 2.Kor. 9.7.
Mit herzlichem Dank im Voraus!

Die Bittbriefe werden fast zur Tradition. 1933 wird ein neuer Handzettel gedruckt, 1934 ebenfalls. Die Formulierungen sind fast identisch. Not muss nicht immer wieder neu beschrieben werden. Im September 1933 werden die Gemeindeglieder angeschrieben.

Es soll im heurigen Winter keinen deutschen Volksgenossen geben, der hungert oder friert.“ Das ist Losung und Ziel der Führer unserer nationalen Regierung. Zur Verwirklichung dieses Zieles ist das ganze Volk aufgerufen. Wir evangel. Christen fühlen uns diesem Aufruf doppelt verpflichtet. Wir wissen, mit welch eindringlichen Worten unser Herr und Meister uns die Hilfe an den notleidenden Brüdern ans Herz gelegt hat, und wie Gottes Wort uns immer wieder zum Erbarmen mit den Armen ermahnt: „Laß den Armen nicht Not leiden.“ Mit Dank gegen Gott sei es gesagt, daß das unsagbare Elend der Arbeitslosigkeit schon weithin mit Erfolg dadurch eingedämmt wurde, [254] daß es der nationalen Führung gelang, Arbeit und Brot zu schaffen und damit vielen Familien beglückenden Frieden zu bringen. Aber die Not des kommenden Winters ist in weiten Kreisen unseres Volkes und darum auch unserer Christuskirchengemeinde noch so groß, daß die notleidenden Familien dringend unsere Hilfe brauchen.
In einer vorbildlichen, christlichen Gesinnung haben die Gemeindeglieder unserer Christuskirche im vorigen Winter die Not ihrer Brüder mitgetragen und in großherziger und großzügiger Weise mitgeholfen, diese Not zu lindern. Dafür sei ihnen allen, allen nochmals mit einem herzlichen „Vergelt’s Gott“ tausendfach gedankt. Die große Hilfe, welche unsere Gemeinde den Notleidenden bringen konnte, wurde besonders durch die regelmäßigen, monatlichen Gaben unserer Gemeindeglieder ermöglicht. Daher bitten wir alle unsere lieben Gemeindeglieder, welchen es irgendwie möglich ist, auch für den kommenden Winter uns in unverbindlicher Weise wieder einen festen, monatlichen Beitrag zu zeichnen, welcher entweder mittels Postscheckkonto (Pfarramt Christuskirche, München Nr. 29258) einbezahlt oder monatlich abgeholt wird. Wem das nicht möglich ist, der wird um eine einmalige, freundliche Gabe herzlichst gebeten. Allen Gemeindegliedern, welche wieder Kinder zum Mittagstische aufnehmen können, sind wir aufrichtig dankbar. Wir werden selbst wieder eine Kinderspeisung durchführen. Wie in früheren Jahren ist im Gemeindehause wieder eine Sammelstelle für Lebensmittel, Kleider und Schuhe errichtet. Alles ist herzlich willkommen und wird gerne abgeholt. (Fernsprechnummer des Pfarramtes 60589 und 64558.)
Alle Gaben der heurigen Winterhilfe sollen ein Dank sein für die große Wende, welche Gott unserem Vaterlande beschieden hat. Die Größe unseres Dankes dafür, daß Gott unser Volk, das hart am Rande des Abgrundes war, noch in letzter Stunde vom Abgrunde rettete, wollen wir zeigen in der Größe unserer Gaben und der Freudigkeit des Gebens. Dabei soll vor unseren Augen die Verheißung stehen:
„Wer sich erbarmet fremder Not, den segnet stets der treue Gott.“

Die Bitten verhallen nicht vergebens. Beispiel Kinderspeisungen. Die Armut ist in vielen Familien groß. Nicht alle wohnen in Neuhausen in einer Villa. Oft wurden die Männer zur Wehrmacht eingezogen, die Frauen arbeiten tagsüber, oft auch im nächtlichen Schichtdienst. [255] Wer kümmert sich um die Kinder? Vor allem: wer denkt daran, dass sie Hunger haben?

Pfarrer Kutter wendet sich im Januar 1932 an die Städtische Gebührenabrechnung, Unteranger 3/IV, Zimmer 447. In seinem Bittbrief, der als nicht unterzeichnete Kopie in den Archivmappen der Christuskirche liegt, heißt es ganz realistisch:

Der Unterzeichnete gestattet sich, hinsichtlich der Gaspreisberechnung eine Bitte vorzubringen.
Veranlasst durch die gegenwärtige Notzeit hat das evang.-luth. Pfarramt Christuskirche in Neuhausen seit 11. November 1931 eine Kinderspeisung eingerichtet, welche an 3 Tagen der Woche je 20 Kinder mit einem Mittagessen versorgt, also wöchentlich 60 Mittagessen verabreicht. Die Speisung geht im Gemeindehaus Dom Pedropl. 5 vor sich. Die Speisen werden auf einem Gasherd bereitet, da andere nicht zur Verfügung stehen. Der Herd weist jedesmal einen Gasverbrauch von ca. 5 cbm. auf.
Es liegt im Interesse der Sache, daß die Mittel, die die Speisung ermöglichen – freiwillige Gaben der Christuskirchengemeinde – möglichst lange ausreichen und die erwähnte Wohltat somit möglichst vielen zugute kommt.
Infolgedessen wäre es dem unterzeichneten Pfarramt erwünscht, wenn im Hinblick auf den verfolgten Wohltätigkeitszweck der Preis des dabei verbrauchten Kochgases niedriger wie sonst bemessen werden könnte, etwa ebenso wie er für Grosswarmwasseraufbereitung berechnet zu werden pflegt, nämlich mit 12 Pf. (satt mit 20 Pf.) pro cbm.
Ich bitte um baldgefällige Rückäusserung auf diesen Wunsch, eventuell um Weitergabe desselben an die entscheidende Stelle.

Es muss wohl eine Rückäußerung gegeben haben. Die Direktion der Städtischen Gaswerke erteilt am 6. Februar 1932 dem Pfarramt Christuskirche einen neuen Gebührenbescheid, in dem Ermäßigungen des Gaspreises vorgenommen wurden.

Am 22. April schreibt das Pfarramt Christuskirche, 1. Pfarrstelle, seine Gemeindeglieder an, um sich zu bedanken, sie zu informieren und um weitere Unterstützung zu bitten. [256] Kutter schreibt.

Allen unseren lieben Gemeindegliedern,
welche durch ihre regelmäßigen oder einmaligen, hochherzigen Beiträge die Speisung unserer Kinder im Gemeindehaus ermöglichten und den Damen, welche die Speisung durchführen halfen, möchte ich im Namen meiner Gemeinde und meiner Herren Kollegen und selbst herzlichst danken. Ich bedaure, daß ich nicht jedem einzelnen die Hand drücken und ihm persönlich ein aufrichtiges „Vergelt’s Gott“ sagen kann. Wir haben seit November d.J. wöchentlich dreimal durchschnittlich 25 Kinder im Gemeindehaus gespeist. Die Kinder konnten durch eine einfache, aber gute, kräftige Kost, welche Damen aus der Gemeinde unentgeltlich zubereiteten, reichlich gespeist werden. Die Kinder und ihre Eltern waren für diese grosse Hilfe aufrichtig dankbar und haben ihren Dank immer wieder bezeigt; auch diesen Dank gebe ich an die hochherzigen Spender weiter. – Vom 1. Mai ab werden wir die Speisung im Gemeindehaus schließen und stellen es jedem einzelnen Gemeindeglied anheim, ob es auch den Sommer über für die Kinderspeisung, welche wir im kommenden Winter wieder aufnehmen werden müssen, beisteuern will. Wir wären so dankbar, wenn wir mit einer Reserve für die Speisung in den Winter hineingehen könnten. Aber nicht in einer Bitte soll dieses Schreiben ausklingen, sondern in dem aufrichtigen, herzinnigen Dank an alle Gemeindeglieder, welche sich unserer armen Kinder erbarmten, und in den Wunsch: „Gott möge alle Spender reichlich segnen“!

Leseprobe 4: Dürfen Diakonissen Radfahren?

Die Pfarrer, Vikare, Diakone, Stadtkirchner und Gemeindehelfer allein schaffen es nicht, alle kranken Menschen zu besuchen, den Kontakt mit Hilfsbedürftigen zu pflegen, die Jugendarbeit zu leiten, die Frauenarbeit, die Männerabende, die Vereins- und Stiftungsversammlungen, die Seelsorge in den Kliniken und die Hausbesuche zu organisieren. Hinzukommen noch die Nähstube der Frauen und das Management der Speisung für bedürftige Kinder durch private Haushalte. Deshalb ist die Arbeit der Diakonissenstation in der Gemeinde unverzichtbar.

Am 28. November 1932 trifft bei Pfarrer Kutter am Dom-Pedro-Platz ein Brief mit dem Betreff Radfahren der Diakonissen ein. Der Absender ist der Rektor der Evang.-Luth. Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Er appelliert an Hochwürden Herrn Stadtpfarrer Kutter und bezieht sich offensichtlich auf ein heftig diskutiertes Mobilitätsproblem in der Münchner Gemeinde.

Verehrter Freund!
Es war mir leider nicht möglich, Dich bei unserem letzten Aufenthalt in München noch über das Radfahren unserer Schwestern zu sprechen. Ich hätte das sehr gerne getan, als Schwester Marie Geuder Frau Oberin und mir zu unserer Überraschung meldete, dass Du Bedenken dagegen hättest. Du wirst verstehen, dass ich auf die eigentümliche Formulierung hin, die der Kirchenvorstand gewählt hat und der sich das Pfarramt angeschlossen hat, das Bedürfnis habe, Dir noch ein Wort zu schreiben. Ich weiss nicht, warum Du den Kirchenvorstand gefragt hast. Jedenfalls ist er für die Frage nicht einschlägig. Sie unterliegt der Entscheidung des Mutterhauses und ist an Dich als den Lokalvorstand der Schwestern nur [186]  deshalb gekommen, weil das Mutterhaus doch immer Gewicht darauf legt, sich mit den Lokalvorständen eins zu wissen. Ich schreibe das, damit Du nicht von der Verantwortung Dich bedrückt fühlst, die mit der Entscheidung der Frage verbunden ist. Wir erlauben vom Mutterhaus aus den Schwestern nur in Ausnahmefällen den Gebrauch des Fahrrads. Für den Dienst im Innern einer Großstadt würden wir ihn wohl nie erlauben. Aber bei den Verhältnissen an der Peripherie der Stadt, wie sie die Schwestern in Neuhausen haben, ist der Gebrauch des Fahrrads doch eine grosse Erleichterung, ja durchaus nötige Zeitersparnis. Es kommt ja in München auch der erschwerende Umstand dazu, dass die Schwestern im Unterschied von Nürnberg keine Freikarten für die Strassenbahn haben. Es wird dafür gesorgt, dass keine Schwester das Fahrrad benützt, die nicht von vornherein radfahren kann. Auch wollen wir die Schwestern ermahnen, nicht im Innern von München das Rad zu benützen. Wenn diese Vorsichtsmassregeln angebracht werden, steht doch kein Bedenken, den Schwestern die Erlaubnis zum Radfahren zu geben, wo doch selbst Schulkinder jetzt in Massen das Rad nützen. Es wäre mir interessant, wenn Du mir gelegentlich schreiben könntest, welche Bedenken das Pfarramt und der Kirchenvorstand hatten, ob sie vielleicht in der Richtung liegen, dass die Benützung des Rades für die Schwestern in der Bevölkerung als unpassend empfunden wird. In allen bisherigen Fällen war es nämlich so, dass die Lokalvorstände bzw. Pfarrämter entweder von sich aus gewünscht haben, dass wir den Schwestern den Gebrauch des Fahrrads erlauben oder den Antrag der Schwestern sehr unterstützt haben. Mit herzlichem Dank für Deine freundliche Fürsorge in allen Stücken, die die Schwestern dankbarst empfinden, und mit amtsbrüderlichem Gruss bin ich
Dein ergebener
Lauerer

Kutter antwortet wenige Tage später. Radelnde Diakonissen? Man stelle sich dies vor! Habe Dank für Deinen freundlichen Brief. Selbstverständlich unterliegt die Frage, ob Diakonissen radfahren dürfen, der Entscheidung des Mutterhauses. Aber ich bin der Ansicht, dass auch die Gemeinde, in welcher die Diakonissen dienen, über eine solche Neuerung gehört werden muss. [187] Wir leben hier unter einer katholischen Bevölkerung, welche ein besonderes Empfinden für die Würde der Diakonissen hat. Unsere evangelische Bevölkerung teilt grossenteils dieses Empfinden; es könnte daher möglich sein, dass auch bei vielen unserer Gemeindeglieder das Radfahren der Diakonissen als unpassend empfunden werden könnte. Diese Möglichkeit fasste ich ins Auge und wollte klar sehen, wie die Gemeinde denkt. Mir selbst schwingt in einem Unterton der Empfindung ein leises Unbehagen gegen das Radfahren der Diakonissen mit. Mag sein, dass dieses Empfinden in dem zunächst Ungewohnten liegt, wenngleich ich radfahrende Diakonissen der Methodisten aus meiner Füssener Diaspora kenne, wo sie immer als ein unangenehmes Bild von der katholischen Bevölkerung angesehen wurden. Mag sein, dass dieses Urteil oder Vorurteil in mir noch lebt. Da auch der Herr Kassier meines Vereins Bedenken gegen das Radfahren der Diakonissen, allerdings auch aus Sicherheitsgründen äusserte, dazu Oberschwester Marie auch ihre Bedenken hatte, glaubte ich erst recht die Vertreter der Gemeinde hören zu müssen. Die Ansicht, dass wir Aussenstationen haben, welche mit der Trambahn schwer, mit dem Rade dagegen leichter erreichbar sind, dass also das Radfahren für die Diakonissen hier eine Erleichterung ihres Dienstes ist, hat uns bei allen Bedenken gegen die Schicklichkeit denn doch zu dem übermittelten Beschluss geführt. In ihm ist unser Für und Wider ausgedrückt. Ich hoffe, dass Du nun die Sachlage, aus der heraus wir urteilten, klar erkennst.
Mit herzlichen und ehrerbietigen Grüssen

Rektor Lauerer will auf eine Replik nicht verzichten. Er antwortet am 5. Dezember 1932 dem 1. Pfarrer der Christuskirche in München.

Ich danke Dir herzlich für Deinen Brief in der Sache des Radfahrens unserer Schwestern. Deine Auskunft war mir ausserordentlich interessant. Sie hat mich insofern erfreut, als ich daraus sehe, dass doch noch in der Bevölkerung ein Verständnis dafür vorhanden ist, dass die Diakonisse etwas Besonderes ist. Wir waren bis jetzt auf dem Standpunkt, dass wir das Radfahren der Diakonissen, wenn es von den Pfarrern und Gemeinden gewünscht wird, von Fall zu Fall erlaubt haben und nur dann, wenn es als eine Erleichterung des Dienstes und zum Vorteil der Gemeinde uns nötig erschien. Dein Brief hat mich darin bestärkt, dass diese Zurückhaltung richtig ist. In dem Fall der Gemeinde Neuhausen freilich soll und [188] muss es bei der getroffenen Entscheidung bleiben, weil die Wege auch nach den Aussenteilen der Gemeinde eben doch zu weit sind. Wenn es gelänge, dass die Münchner Pfarrämter für die Gemeindeschwestern Freikarten auf der Strassenbahn erwirken könnten, dann würden wir gern der Frage nähertreten, ob das Radfahren nicht wieder eingestellt werden soll.

[…]

Die Geschichte hat ein gutes Ende, so weit in dieser Zeit von einem guten Ende gesprochen werden kann. Am 17. Februar 1943 wird ein Schreiben unter der Adresse „Evang. Diakonissenstation München-Neuhausen“ verfasst. Es geht an das „Wirtschaftsamt der Hauptstadt der Bewegung“.

Betrifft: Radbereifung.
Für die von Schwester Babette Riedel und Schwester Maria Mayr, Dom-Pedro-Platz 5/II, im Dienste der Krankenpflege benützten Fahrräder ist die Erneuerung je einer Laufdecke und je eines Luftschlauches notwendig.
Der Unterzeichnete beantragt hiermit die genannten Stücke und bittet um deren freundliche Bereitstellung. Für den stark beanspruchten Pflegedienst, den die Schwestern der Diakonissenstation in der weitausgedehnten Neuhauser- und Nymphenburger Gemeinde bei Tag und bei Nacht zu leisten haben, sind sie auf die Benützung von Fahrrädern dringend angewiesen.
Der Vorstand der Evang. Diakonissenstation
Neuhausen: E. Kutter

Ob der Antrag bewilligt wurde, ist nicht bekannt.

Leseprobe 5: Die Vergangenheit spricht

Das Archiv der Christuskirche ist über etliche Türen, verschlossene Räume und enge Treppenaufgänge zu erreichen. Der Weg dorthin muss nicht verraten werden. Drei unterschiedliche Schlüssel muss dabeihaben, wer sich in den dunklen Raum des Archivs irgendwo im Kirchengebäude begibt. Im Kirchenschiff ist es kalt. Dort oben ist es im Winter frostig. Im Sommer stickig. Die Luft schmeckt nach dem Verfall von Papier. Da und dort ein Spinnennetz. In dieser Kälte- und Trockenkammer ruhen viele Archivmappen: aus den Jahren der Monarchie in Bayern bis hin zu Unterrichts- und Finanzstatistiken der heutigen Zeit. In der linken Ecke ganz hinten ein Schrank mit einer Flügeltüre. In vielen Fächern sind, rechts und links, die Akten abgelegt, in denen sich das Leben der Gemeinde im Nationalsozialismus widerspiegelt. Eine grundsätzliche Entscheidung ist notwendig: Wo beginnen? Wo enden? Sie fällt für die Zeitspanne zwischen 1933 und 1945, mit manchem Vorgriff auf die Jahre zuvor und manchem Ausblick auf die Jahre danach. Es ist ja nicht so, dass das selbst ernannte „1000-jährige Reich“ aus dem Nichts kam und im Nichts endete. Genauer gesagt handelt es sich um das Archiv der 1. Pfarrstelle der Christuskirche München. Dokumente der 2. Pfarrstelle und der Vikariate existieren in diesem Archiv bis auf wenige Ausnahmen nicht. Das Archiv ist auch nicht vollständig. Oft wurden schriftliche Korrespondenzen nicht in vollem Umfang abgelegt. Auch fehlen oft die Antwortbriefe oder die ursprünglichen Schreiben des 1. Pfarrers an Adressaten, deren Antworten in den Archivmappen abgelegt sind. Die Kirche wurde bei den Fliegerangriffen auf München mehrfach von Bomben getroffen, sie wurde zunächst teilweise und schließlich gänzlich bis auf die Außenwände zerstört. In solchen Katastrophenzeiten [304] haben Dokumente und Schriftwechsel nicht die höchste Priorität im Überlebenskampf.

Im März 1960 hat der kirchliche Archivpfleger Diakon Joachim Rösler das Archiv durchgesehen, geordnet und systematisch aufgelistet. Zustand und Beschriftung der Archivmappen lassen vermuten, dass er das Gesamtmaterial in 342 einzelne Mappen ordnete, deren Schwerpunkte er sorgfältig auflistete. Über dieses „FINDBUCH für das Archiv des Evang.-luth. Pfarramts Christuskirche München“ schreibt der Archivpfleger:

In diesem Findbuch sind alle erhalten gebliebenen und zur Zeit auffindbaren Akten und andere Archivalien des Evang.-Luth. Pfarramts Christuskirche verzeichnet. Der Bestand reicht von der Entstehung der Pfarrei bis einschließlich zum Jahr 1948 … Mit Hilfe des alten Repertoriums wurde die Vollzähligkeit der vorhandenen Akten überprüft. Allerdings konnte in vielen Fällen nicht festgestellt werden, ob die im alten Findbuch aufgeführten aber heute nicht vorhandenen Akten tatsächlich je vorhanden gewesen sind, oder ob nur die entsprechende Faszikelnummer für den eventuell einmal entstehenden Betreff freigelassen worden ist.

Dieses im Jahr 1960 präsentierte FINDBUCH umfasst eine Liste von 36 Seiten. Sie benennt die Rubriken Kirchenbücher, Amtsbücher, Protokollbücher und Akten. Wohl fünfzig Jahre lang mag dieses Archiv mit seinen Mappen und Kirchenbüchern im Zwielicht zwischen Staub und Kälte gelegen haben; Jahrzehnte später wurden einzelne Dokumente herausgesucht (siehe Vorwort) und in einer szenischen Lesung präsentiert. Diese Veranstaltung war möglicherweise die Initialzündung für die Kirchenstiftung der Christuskirche wie für Pfarrer Ulrich Haberl-Wieberneit, das Archivmaterial gründlicher durchsehen zu lassen. Recherche-Ziel: Das Leben der Gemeinde im Nationalsozialismus. Niemand wusste, in welchem Umfang und in welcher Intensität es sich aus dem Archivbestand wiederentdecken lässt.

Auftraggeber und Autor waren sich in der Zielsetzung für diese Publikation einig, dass dieses Buch das Leben der Gemeinde im NSStaat erzählen soll. Bitte keine Fußnoten! Es geht also nicht um eine [305] zeitgeschichtliche wissenschaftliche Darstellung, sondern darum zu erzählen, was damals geschah. Subjektiv. Authentisch, soweit aus den Akten ersichtlich, bruchstückhaft (wie die Aktenlage nun einmal ist), „spannend“, so wie sich diese Tage zeigten, die extremen Stimmungen, Erfahrungen und Positionen im deutschen Kirchenkampf wie in der eigenen Ortsgemeinde widerspiegelnd.

Auf die Jahre 1933 bis 1945 besonders achtend hat der Autor 296 Manuskriptseiten von Archivmaterialien digital transkribiert. Hinzu kamen viele Recherchen, um Personen, Institutionen und Zusammenhänge zu verifizieren. Besonders beeindruckend war ein ausführliches Interview mit Walter Joelsen, dem Zeitzeugen, der nicht wusste, weshalb er – in der evangelischen Jugend der Christuskirche beheimatet – plötzlich ein JUDE sein sollte: ein hellwacher, großer alter Mann, dem in diesem Buch aus gutem Grund ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Der Autor, früher Leitender Redakteur im Bayerischen Rundfunk, und Joelsen kannten sich durch zahlreiche Diskussionen und Aufzeichnungen für den Bayerischen Rundfunk, die dem Thema „Zeitgeschichte“ und Joelsens Verfolgung durch die NSDAP und den NS-Staat gewidmet waren. Es gab also ein Grundvertrauen zwischen beiden Gesprächspartnern, und es gab bei beiden ein großes Interesse daran, zu reden und zuzuhören.

Ein Grundvertrauen hat auch der Initiator dieses „Archivprojekts“ gezeigt, als er dem Autor den Generalschlüssel und zwei Sonderschlüssel für die Nutzung des Archivs überließ. Die Quellenerforschung fand am großen Tisch in der Sakristei statt. Das Licht ist diffus. Es ist kalt. Manchmal muss der Tisch freigeräumt werden. Vor dem Fenster spielen Kinder. Draußen der Verkehr am Dom-Pedro-Platz. Immer wieder die Signalhörner der Rettungsdienste. Drei Altenheime liegen in der Nähe der Kirche.

Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche wurde die Sichtung der Dokumente spannender. Die Geschichte der Christuskirche ist, vereinfacht gesagt, auch eine Geschichte zwischen dem 1. Pfarrer Erwin Kutter, der zunächst Sympathien für Adolf Hitler, den „Kanzler der Deutschen Einheit“ hatte – nicht anders als die Kirchenleitung der evang.-luth. Kirche in Bayern – und der sich zunehmend von der NS-Weltanschauung distanzierte, und dem 2. Pfarrer Kurt Frör, der nach einer sehr kurz existierenden Affinität zum Nationalsozialismus [306] über die „Pfarrbruderschaft“ und seine Nähe zur Bekennenden Kirche zum schroffen Gegner von Hitlers Terrorsystem wurde. Deshalb dürfen Spannungen zwischen beiden Pfarrern in diesem Buch nicht verschwiegen werden. Eine Gemeinde lebt aber nicht nur in den Biographien von Pfarrern. Die Seelen, für die Seelsorger hauptberuflich zuständig sind, haben ein Eigenleben. Und wie überall: Es gab fanatische Nationalsozialisten und früh sensibilisierte Skeptiker, es gab Kriegsfreiwillige und am Krieg Verzweifelnde, es gab Täter, Mitläufer und Opfer, vor allem auch Menschen, die verschwanden: gefallen an den Fronten oder deportiert. In Neuhausen zeigte sich die Welt nicht anders als in anderen Orten Deutschlands.

Trotz alledem: Es gab Mut. Es gab Widerstand. Es gab die Raffinesse versteckter Hilfe. Es gab Solidarität. Es gab Verzweiflung. Verfolgung. Repression. Und es gab immer wieder bei dieser und jenem das Beispiel eines aufrechten Gangs und eines geschärften Gewissens. Wer diese Geschichte einer durchschnittlichen evangelischen Gemeinde im Nationalsozialismus, die nicht aus der Welt gefallen, sondern mit ihr vernetzt war, erzählend darstellt, tut dies nicht frei von Emotionen. In der kühlen Sakristei solche Akten zu entziffern, sie „abzuschreiben“, sie auszuwählen, sie für wichtig oder unerheblich zu beurteilen: dies kann nur aus der Haltung einer tiefen Demut möglich sein.
Und manchmal auch einer zunehmenden Wut. Freundlicher gesagt: einer zunehmenden Traurigkeit. Und dann wieder einer Wut: Auf Gemeindeglieder, auf Kirchenbehörden, auf Anweisungen und Verlautbarungen, auf Briefe und Kirchenaustrittsbegründungen einzelner, die jede Form ziviler Courage zugunsten der neuen NS-Ideologie preisgaben.

Und dann immer wieder das Erstaunen: In dieser Gemeinde wie in dieser Kirche in Bayern wie in dieser Kirche in Deutschland gab es Menschen, die NEIN sagten. Das hat so manches Zorngefühl gemildert. Es gab großartige Menschen. Auch in dieser Gemeinde. In Neuhausen. In München. Am Dom-Pedro-Platz. Dann – wenn die letzten Akten gesichtet sind – werden die Archivmappen an ihren Schlafort zurückgebracht. Die Reihenfolge – wie im „Findbuch“ benannt – muss stimmen. Alle Mappen werden 307 durchgezählt und in der richtigen Abfolge wieder zurückgelegt. Die Türen des Schranks werden geschlossen.

Dann treppab in die Kirche. Sie ist kalt. Die Türen müssen wieder verschlossen werden. Hinaus in das Freie. Draußen am Dom-Pedro-Platz scheint die Herbstsonne. Es ist gut, wieder die Wärme zu spüren.