"Meine Christuskirche"

Geschichte und Geschichten rund um einen besonderen Ort

Ja, das ist die Christuskirche in München-Neuhausen: für viele Menschen ein Ort prägender Erlebnisse und Erfahrungen. Diesen Ort auch für kommende Generationen zu erhalten, das ist das Ziel der Stiftung Christuskirche. Dafür bitten wir um Zustiftungen und Vermächtnisse. Wir haben es aber auch zum Ziel gesetzt, nicht nur Geld zu sammeln, sondern auch Erinnerungen. Begonnen haben wir damit beim Stiftungsfest am 23. Oktober 2014.

Den Abend eröffnete Franz Schröther von der Geschichtswerkstatt Neuhausen mit dem Vortrag "Geschichte der Christuskirche in Bildern". Anschließend berichteten Gemeindeglieder und Weggefährten im Alter von 15 bis 87 Jahren von prägenden Erlebnissen - "Meine Christuskirche" eben. Diese Beiträge dokumentieren wir unten.

Gerne können Sie die Texte dieses Abends als pdf-Dokument herunterladen:
"Geschichte der Christuskirche in Bildern" - Vortrag Franz Schröther
"Meine Christuskirche" - Erinnerungen von Gemeindegliedern

Einführung
von Gotthard von Czettritz

Auszug aus dem autobiografischen Werk "Die Kirschen der Freiheit"
von Alfred Andersch

Laienspiele Christuskirche 1943
von Walter Joelsen

Gefährdung und Bewahrung
von Peter Frör

Jesus Christ Superstar
von Martin Bogdahn

Gemeinde gestalten
von Sibylle Heyl

Mein Ort des Glücks: Der Chor
von Gisela Mittelsten Scheid

Ein Ort der Selbstfindung, der Entwicklung
von Melina Cosentino

Einführung

von Dr. Gotthard von Czettritz
Vorsitzender der Stiftung Christuskirche

Liebe Freunde unserer Stiftung Christuskirche,

es war ein berührender und ergreifender Abend. Das „Stiftungsfest“ am 23. Oktober 2014 stand unter dem Thema „Meine Christuskirche“. Wir hörten einen informativen und humorvollen Vortrag von Franz Schröther von der „Geschichtswerkstatt Neuhausen“, illustriert mit vielen historischen Bilddokumenten.

Dazu kamen ganz persönliche Erzählungen: Erfahrungen, die Menschen in der Christuskirche gemacht haben. Erlebnisse, die sie geprägt und bereichert haben, gestärkt im Glauben und ermutigt zum Leben. Ich denke, nicht nur mir wurde deutlich: Die Christuskirche, das ist mehr als ein historisch wertvolles, denkmalgeschütztes Gebäudeensemble am Neuhauser Dom-Pedro-Platz. Die Christuskirche ist ein Ort des Glaubens und des Lebens, seit vielen Generationen.

Und sie soll das auch für künftige Generationen bleiben. Dafür wollen wir uns mit der „Stiftung Christuskirche“ einsetzen. Bitte unterstützen Sie uns dabei weiter mit Zustiftungen oder Vermächtnissen.

Wir haben die Erzählungen vom Stiftungsfest in diesem kleinen Heftchen und auch hier auf unserer Inernet-Seite zusammengestellt. Schön, dass wir hier auch den Beitrag von Dr. Martin Bogdahn, der im Oktober erkrankt war, hinzufügen können.

Ihr
Dr. Gotthard von Czettritz

 

 

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Auszug aus "Die Kirschen der Freiheit"

von Alfred Andersch

In seinem autobiografischen Werk "Die Kirschen der Freiheit" erinnert sich Alfred Andersch an seine Konfirmation in der Christuskirche. Mit der Lesung aus diesem Werk eröffnete Peter von der Howen den Reigen der Beiträge.

„Etwa ein Jahr vor meinem Austritt aus der höheren Schule bin ich in der lutherischen Christus-Kirche zu München-Neuhausen konfirmiert worden. Die Konfirmation ist für mich, wie jeder öffentliche Vorgang seither, nichts als eine peinliche Angelegenheit gewesen. Während ich an der Spitze des nach dem Alphabeth geordneten Zuges der Konfirmanden durch eine Gasse zwischen der dunkelgekleideten Menge auf den im Kirchenlicht flimmernden Altar zuschritt, bemühte ich mich krampfhaft, eine feierliche Stimmung in mir zu erwecken. Es gelang mir nicht. Ohne rechtes Bewußtsein von dem sakramentalen Akt, an dem ich teilnahm, setze ich einfach meine Gleichgültigkeit mit einem Anflug von Hohn gegen die weihevolle Rührung, die mir aus der Gemeinde wie eine klebrige Masse entgegenzufließen schien. Nicht einmal als Pfarrer Johannes Kreppel mir die Oblate auf die Zunge legte und den Kelch an die Lippen hob, bin ich über die reine Mechanik der Handlung hinausgekommen.

Das ist um so erstaunlicher, als dieser evangelische Diaspora-Geistliche für mich stets eine verehrungswürdige und machtvolle Persönlichkeit war. Von eher kleiner als großer Statur und heller, zarter, fast wächserner Haut, die ja immer ein Zeichen von Anfälligkeit für den Geist und von körperlicher Schutzlosigkeit ist – und tatsächlich ist Pfarrer Kreppel schon mit fünfzig Jahren an einer Lungenentzündung gestorben – , war sein Gesicht mit den lebensprühenden Augen dennoch ganz von protestantischem Trotz erfüllt. Er wurde der wichtigsten Bedingung seines Bekenntnisses gerecht, die mit dem Charakter, der es verkündet, steht und fällt. Die protestantische Revolution, die eine inhaltslos gewordene Priesterherrschaft fällen wollte, hat, allein durch die Bedeutung, die sie der Predigt im Gottesdienst zuerkennt, das Amt des Priesters zur höchsten persönlichen Würde erhoben…“

„Der Pfarrer Kreppel war nicht nur ein frommer, er war auch ein nationaler Mann. Deshalb bewunderte ihn mein Vater, der zwar gläubig, vor allem anderen aber national gesinnt war… 1923 … wurde er ein bedingungsloser Parteigänger des Generals Ludendorff.“

[A. Andersch‘ Vater kehrte schwer verletzt aus dem 1. Weltkrieg zurück.] „Die notdürftig zum Schließen gebrachte Wunde seines Beinstumpfs brach auf und ging in Brand über, der nicht mehr zu heilen war. Er versank in eine zwei Jahre dauernde Agonie aus Morphiumräuschen und Schmerzanfällen. In den Nächten habe ich ihn, zwischen verzweifeltem Stöhnen, oft beten gehört. Er betete stets das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“, oder er sang diese Melodie aus der Matthäus-Passion mit blecherner Stimme, die gefärbt war von höchster Qual. Das waren die Augenblicke, in denen in meines Vaters Brust der Pfarrer Johannes Kreppel über den General Ludendorff siegte.“

Zitate mit freundlicher Genehmigung der Diogenes Verlag AG Zürich, Copyright © 1968, 2006

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Laienspiele Christuskirche 1943

von Walter Joelsen

Was ich erzähle spielt 1943. Es war Kriegszeit. Wir waren 15, 16, 17 Jahre und Glieder der Gemeindejugend der Christuskirche. Weil die Hitlerjugend keine Konkurrenz duldete, sollten wir uns nur mit Bibel und Gottesdienst beschäftigen. Und so war das Zentrum unserer Gruppenstunden das Lesen und Auslegen von Bibeltexten. Aber wir wollten auch nach außen zeigen, was uns wichtig war. Konnte man nicht einfach biblische Geschichten spielen, vorspielen? Krippenspiele gab es seit Jahrhunderten. Wir spielten also ein Osterspiel, spielten ein Spiel um Paulus. „Laienspiel“ hieß das. Darsteller waren wir, die Gemeindejugend. Regie führten wir selbst oder Pfarrer Frör. Kein Theater, sondern Ausdruck dessen, was uns wichtig war. Im Spiel mit Rollen, mit Kostümen, auf einer Bühne. Hier im Gemeindesaal. Und als der belegt war, schoben wir Tische zusammen, legten einen Teppich darauf und hatten eine Bühne. Und Spaß hat's gemacht.

Ich glaube, Pfarrer Frör gab den Anstoß: Schreibt doch selbst einmal ein Stück. Hansl Müller, 16 Jahre, heute Pfarrer im Ruhestand, schrieb das erste Stück „Der Brand von Rom". Es war eine ernste Geschichte. Nero hat im Wahn Rom angezündet und die Katastrophe den Christen in die Schuhe geschoben. Es begann eine Christenhatz. Die kleine Christengemeinde erprobte ihren Glauben. Das war ja auch unser Thema: Trägt der christliche Glaube? Trägt er im Leben, auch im Sterben? Es war Kriegszeit, in der viel gestorben wurde. Freilich war nicht jeden Tag unser Glaube in Frage gestellt. Aber wir wussten, dass der Tag kommen könnte, wo es darum geht: Bekennen oder Verleugnen. Im Spiel wurde es todernst. Die Schergen Neros griffen den Sohn der christlichen Familie. Es war sicher, er würde den Löwen vorgeworfen werden. Bekennen oder Verleugnen? Für den Sohn gab es nur einen Weg. Seine letzten Worte: „Lebt wohl! Gott schenk´ euch Frieden, liebste Eltern. Bei Christus gibt es einst ein Wiedersehn.“ Im Hintergrund singt ein Chor „Jesus, meine
Zuversicht".

Kitsch? Ich weiß nicht. Es war Kriegszeit, in der viele Eltern ihre Söhne verabschieden mussten, ohne zu wissen, ob sie sie wiedersehen würden. Abschiedsszenen durchlitten viele. Auch damals in diesem Saal. Und mancher hat sich die Frage gestellt: Haben wir unserm Kind das mitgegeben, was nicht nur im Leben, sondern auch im Sterben trägt? Der Saal war voll gewesen. Eine sichtbar bewegte Gemeinde ging heim.

Pfarrer Frör machte uns Mut: Schreibt ein Weihnachtsstück. Diesmal etwas aus der Gegenwart. Hansl Müller und ich machten das ganz unprofessionell, naiv. Schreib du den ersten Akt, dann schreib ich den zweiten: „Frontweihnachten 1943". Ort: Ein Bunker im Vorfeld des Atlantikwalls, Feldbetten, Stühle, ein Tisch. Es gab kaum Requisiten. Wie das Ganze technisch ablief, ich weiß das nicht mehr. Soldaten sitzen rum. Man redet so ein bisschen vor sich hin: Weihnachten, was soll das? Ganz unterschiedliche Meinungen. Gott ist die Natur. Gott ist das Licht, das alle Finsternis besiegt. Es geht um den Glauben an den Kampf, die schönste Männertugend. Von wegen Liebe Gottes. Meine Frau und meine Kinder sind im Luftschutzkeller umgekommen. Ach, nimm das Leben, wie es kommt, denk nicht zu viel drüber nach, da wird man nur dumm. Es geht hin und her. Der Jüngste in der Runde, ein Christ, kommt nicht zum Zug.

Da kommt Alarm. Ein feindliches Flugzeug. Die Fliegerabwehrkanonen schießen, das Flugzeug wird getroffen, stürzt ab. Der Pilot rettet sich mit einem Fallschirm. Natürlich konnten wir das nicht spielen. Wie bei einem griechischen Drama wurde das jetzt von Augenzeugen geschildert. Aber nun konnte man sehen: Schwer verwundet wird ein sterbender Feind in den Bunker getragen. Und da bringt einer einen kleinen, geschmückten Christbaum, den er heimlich vorbereitet hatte. Der Engländer kann kaum noch reden. „Oh Christmas, thanks. Thanks.“ Er liegt im Sterben. Einer spielt auf der Mundhar-monika „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und dann passiert etwas, was dramaturgisch unmöglich ist: Aber wir wollten doch unseren Glauben zum Zug kommen lassen, gerade angesichts eines Sterbenden. Darum fängt halt einer eine Art Weihnachtspredigt an, schiebt all das zu Seite, was bisher gegen Weihnachten gesagt worden ist: „Das ist unsere Weihnachtsfreude. Es ist einer gekommen, der mich bei der Hand nimmt und mit mir geht, wohin mich der Sturm des Lebens auch führt, der mich dann einst fallen lässt in die Hand des Vaters. Das ist unsere Weihnacht. Euch ist heute der Heiland geboren.“ Und liest die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Und der Jüngste sagt den letzten Satz: Nun ist es doch Weihnachten geworden.

Ich glaube, das haben nicht nur die auf der Bühne, sondern auch die im Saal so empfunden. Einige Zeit später hat dann einer erzählt, dass in einer Nazizeitung gestanden habe: Eine Schande, dass deutsche Jugend so etwas aufführt. Wir haben uns verstanden gefühlt. Wir fühlten uns nicht als Widerstandskämpfer. Aber wir freuten uns, dass wir nicht ganz harmlos waren.

Walter Joelsen  * 1926
wuchs in der Borstei auf, wurde in der Christuskirche getauft und konfirmiert und war in der Gemeindejungend aktiv. Als Enkel jüdischer Großeltern wurde er vom Wittelsbacher Gymnasium verwiesen und in Arbeitslagern inhaftiert. Nach seiner Befreiung studierte er Theologie, war unter anderem Studentenpfarrer in München und arbeitet beim Evangelischen Fernsehen. Als Zeitzeuge erzählt er jungen Menschen seine Geschichte in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

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Gefährdung und Bewahrung

Am 6. September 1942 bin ich in München geboren. Nach der Geburt wurde ich von meinen Eltern in die Wohnung im ersten Stock des zweiten Pfarrhauses der Christuskirche, Dom-Pedro-Platz 3, geholt und habe dort meine ersten Lebensjahre verbracht. Natürlich habe ich an diese erste Lebenszeit kaum Erinnerungen.

Mein Vater Kurt Frör war zu dieser Zeit (1936 bis 1944) Pfarrer auf der zweiten Pfarrstelle an der Christuskirche; auf der ersten Pfarrstelle war damals Pfarrer Kutter. Das weiß ich aus Erzählungen, in denen davon die Rede war, dass sein Garten an den unseren grenzte, und wie sich die beiden Pfarrer einig werden mussten. So kam es, dass die Christuskirche mich seit meinen ersten Lebenstagen begleitet.

Es war Krieg. Meine Mutter musste bald wegen der immer häufigeren Fliegerangriffe mit uns Kindern das Pfarrhaus in München verlassen und fand mit uns eine Bleibe in einem fränkischen Pfarrhaus, das für uns Platz bot (der dortige Pfarrer war an der Front, von der er nicht mehr zurückkehrte). Mein Vater blieb in München und war verantwortlich für einen großen Teil der Gemeinde in dieser schweren Zeit.

Man hatte ihn und den Pfarrerkollegen aus Herrsching vor die Wahl gestellt, wer von beiden in den Krieg ziehen und wer von beiden daheim bleiben und die Gemeindearbeit machen sollte. Einer von den beiden Pfarrern musste gehen, den anderen ließ man hier, um die Arbeit für beide zu machen! Die beiden sprachen miteinander und einigten sich, dass mein Vater in München bleiben sollte und der Kollege als Soldat Kriegsdienst leisten würde. So kam es, dass mein Vater neben seiner Gemeinde in Neuhausen jahrelang auch noch für die Kirchengemeinde Herrsching zuständig war. Das ging so, dass er sich jeden Mittwoch aufs Fahrrad setzte und nach Herrsching radelte, Gottesdienst feierte, Unterricht hielt und die Kranken besuchte. Abends radelte er wieder zurück nach München. Gott sei Dank wurde er in dieser Zeit behütet, dass ihm nichts geschah. Gott sei Dank ist auch der Herrschinger Kollege unverletzt aus dem Krieg heimgekehrt.

Am Tag, als die Christuskirche bei einem Fliegerangriff zerstört wurde, hatte auch in das Pfarrhaus eine Bombe eingeschlagen; Dach und Mauerwerk waren stark beschädigt. Was niemand bemerkt hatte: Es handelte sich um eine Fünf-Zentner-Bombe; sie war bei dem Angriff im Keller des Pfarrhauses gelandet, aber nicht explodiert, sondern blieb dort noch lange Zeit unter den Kohlen verborgen liegen. Ich erinnere mich noch an den Tag – wir waren inzwischen wieder nach München zurückgekehrt, und der Krieg war zu Ende – als unser damaliges Hausmädchen beim Kohleholen im Keller mit der Schaufel auf etwas Hartes stieß. So wurde die Bombe entdeckt. Wir mussten alle das Haus räumen, und die Bombe konnte entschärft werden. Ich weiß nicht, ob ich damals schon die Tragweite dieses Geschehens begriffen habe, sicherlich nicht. Aber im Nachhinein ist mir bewusst: Wäre die Bombe beim Einschlag explodiert, wäre mein Vater nicht am Leben geblieben, und ich hätte ihn nie kennen gelernt.
Am 3. Oktober 1942 wurde ich in der Christuskirche getauft. Da war die Kirche noch in ihrem ursprünglichen Zustand. Kurze Zeit später wurde sie dann zerstört. Die heutige Christuskirche ist das Ergebnis des Wiederaufbaus. Aber der Ort ist immer noch derselbe. Die Christuskirche ist und bleibt meine Taufkirche. Gerne bin ich dort zum Gottesdienst, und wenn ich auf dem Mittleren Ring Richtung München-West unterwegs bin, schaue ich regelmäßig nach rechts hinüber, wenn kurz der Kirchturm meiner Taufkirche vor den Augen auftaucht. So ist die Christuskirche für mich ein Symbol für das mir geschenkte Leben, für Gefährdung von Anfang an und von Bewahrung. Und der Ort, der mich durch meine Taufe tief mit meinem Glauben verbindet.

Peter Frör * 1942
verbrachte seine ersten Lebensjahre im Pfarrhaus am Dom-Pedro-Platz. Er wurde selbst auch Pfarrer. Als Klinikseelsorger war er in Bethel, Bayreuth und München-Großhadern tätig. Er ist Supervisor und Kursleiter in Klinischer Seelsorgeausbildung. Seit 2005 ist Peter Frör im Ruhestand. Er lebt in München-Großhadern.

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Jesus Christ Superstar

von Martin Bogdahn

Meine Christuskirche entstammt dem gleichen Jahrgang 1900 wie meine Mutter und spielt in meinen Gefühlen auch eine Art Mutterrolle, nur dass meine leibliche Mutter längst nicht mehr am Leben ist, während sich meine geistliche Mutter, die Christuskirche, in bester Verfassung zeigt. Jedes Mal, wenn ich zum Dom-Pedro-Platz komme und an Gottesdiensten, Taufen, Trauungen oder Konzerten teilnehme, stellt sich bei mir ein Wohlgefühl ein, eine innere Ruhe, als würde ich ins Elternhaus zurückkehren. So geruhsam war es in der Christuskirche allerdings nicht immer. Ich will von zwei unterschiedlichen Begebenheiten erzählen: die eine könnte ernst gemeint sein, wenn sie nicht so erheiternd wäre, die andere könnte man belächeln, wenn sie nicht einen so ernsten Hintergrund hätte.

Bald nach meinem Dienstantritt auf der 3. Pfarrstelle der Christuskirche begannen die 68iger Unruhen. Eine ganze Generation geriet in Aufruhr. Man wollte den „Mief der Talare“ lüften. Ein „Marsch durch die Institutionen“ sollte frischen Wind in die verkrustete Gesellschaft bringen. Nicht einmal die Kirchen blieben von Störungen und Demonstrationen verschont. So waren wir in der Christuskirche auf alles gefasst, falls es zu Sprechchören in der Kirche („Ho, Ho, Ho Chi Minh“), zu Enthüllungen von Spruchbändern vor dem Altar oder zur Bemächtigung der Mikrophone kommen sollte. Für diesen Fall galt eine Vereinbarung, die noch in Kraft war, als der junge Kantor und Organist Christian Kabitz an die Christuskirche kam: Bei einer ernsthaften Störung des Gottesdienstes wollten wir unsere beste Waffe einsetzen, die Orgel. Der Kantor sollte dann alle Register ziehen und die Gemeinde lautstark mit einstimmen: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen…“. Diese Abmachung galt insbesondere für die gut besuchten, aber möglicherweise auch besonders gefährdeten Weihnachtsgottesdienste.

Das jetzt zu schildernde Ereignis betraf die Christmette Anfang der 70er Jahre: Eine randvolle Kirche in der Heiligen Nacht, viele unbekannte Gesichter, als Prediger im Einsatz Pfarrer Hans Joachim Pauli, an der Orgel – auch für „Ein feste Burg“ bestens gerüstet – Christian Kabitz. Alles lief gut, die Stimmung war feierlich, es gab keinerlei Anzeichen für eine linke Attacke. Die Weihnachtspredigt von Pfarrer Pauli wirkte zusätzlich beruhigend – bis zum „Amen“.

Dann geschah es, nämlich: Nichts! Nichts geschah! Nichts rührte sich, kein leises Vorspiel auf der Orgel, keine Intonation des angezeigten Weihnachtsliedes: „Hört, der Engel helle Lieder klingen das weite Feld entlang, und die Berge hallen wider von des Himmels Lobgesang.“ In der Christuskirche war alles still, kein helles Hallen über Bergen, kein Widerhall von der Empore. Erwartungsvolle Blicke von Pfarrer Pauli hinauf zur Orgel, dann zu den Engeln im
Himmel – nichts. Also musste Herr Pauli das Lied selbst anstimmen. Die Gemeinde wunderte sich, fiel dann aber mit ein, zuerst zaghaft, dann immer fester, am Ende strahlend: „Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe“.

Aber was war mit Herrn Kabitz, wo steckte er nur? Vielleicht hatte ihn jemand entführt, etwa die Rote-Armee-Fraktion? Die Kirche war zu diesem Zeitpunkt nur noch von den Christbaumkerzen erleuchtet. Nach Gebet, Vaterunser und Segen sollte am Schluss das weihnachtliche Volkslied: „O du fröhliche…“ erschallen. Ein letzter Versuch von Pfarrer Pauli, sehnsüchtiger Blick nach oben, ratloses Kopfschütteln, es blieb dabei: ohne Orgel, aber mit umso größerer Beteiligung sangen alle mit: „Welt ging verloren“ – verloren war leider auch Herr Kabitz. „Freue dich, o Christenheit“ – aber durfte man sich freuen, solange dieser junge, sympathische Mann an der Orgel verschollen war?

Leise sprechend, Gerüchte verbreitend, von einem rätselhaften Geheimnis gedrückt, verließen die Christuskirchenchristen das weihnachtliche Gotteshaus. Pfarrer Pauli verabschiedete sich von jedem persönlich mit Handschlag, immer mit dem gleichen Satz: „Ich weiß es nicht“. Gemeint war: Ich weiß nicht, was mit Herrn Kabitz ist, warum wir ohne ihn singen mussten, ich weiß nicht, ob nicht etwas Schlimmes passiert ist. Am Ende blieben Pfarrer und Mesner allein in der Kirche zurück. Schnell wurden die herumliegenden Programme entsorgt, die Kerzen am Christbaum gelöscht. Da, fast schauerlich, erklang eine Stimme wie aus dem Jenseits: „Herr Pauli, wo sind denn die Leute?“ Der leibhaftige Herr Kabitz war es, dessen Stimme da zu hören war, von der Orgelempore herunter mit Blick auf die leere Kirche wiederholte er völlig irritiert: „Wo sind denn die Leute?“

Was war geschehen? Trotz erdrückender musikalischer Anforderungen in der Vorweihnachtszeit mit vier Adventsmusiken, der Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums sowie sieben Festgottesdiensten an den Feiertagen unter Mitwirkung des Chores, trotz dieser immensen Belastung hatte sich der übereifrige Herr Kabitz zu allem Überfluss noch folgendes ausgedacht und zugemutet: Für jeden männlichen Chorsänger, das waren im Tenor und Bass immerhin 35, sollte als Geschenk ein selbstgekochtes und eigenhändig abgefülltes Schmalztöpfchen überreicht werden, und für jede der 45 weiblichen Chorsängerinnen im Sopran und Alt hatte der liebenswerte Kantor eine Gourmet-Konfitüre aus eigener Produktion vorbereitet, wobei er die 80 Schmalz- oder Marmeladengläser noch mit einem Tüchlein schmuckvoll dekoriert und mit seinem Namenszug liebevoll gekrönt hatte. Und das alles hatte er nachts oder in kurzen Pausen zwischen Gottesdiensten, Konzerten und Chorproben bewerkstelligt, um es in letzter Minute am Heiligabend geschenkfertig präsentieren zu können. Der rührige Kantor hatte sich total übernommen, war während der Christmette, wen wundert es, auf der Orgelbank liegend in einen Tiefschlaf gefallen, war albtraumartig erwacht, aufgesprungen, sah über die Altarbrüstung hinweg im Halbdunkel nur den Pfarrer und den Mesner, fragte nach dem Verbleib der Leute und war nun auf eine Standpauke von Pfarrer Pauli gefasst. Aber im Geist des Weihnachtsfriedens löste sich alles in Wohlgefallen auf, geblieben ist die Erinnerung an eine herrliche Begebenheit.

Meine Christuskirche ist mir durch eine andere Geschichte noch mehr ans Herz gewachsen. Und wieder gehörte der Kirchenmusiker Christian Kabitz zu den Hauptbeteiligten. Zwei Jahre nach der erfolgreichen New Yorker Uraufführung hatte er eine umwerfende Idee: Er wollte das Lloyd-Webber-Musical „Jesus Christ Superstar“ in die Münchner Christuskirche holen und hier erstmals in München live zur Aufführung bringen. Bei jungen Rock-Liebhabern sprach sich das Vorhaben wie ein Lauffeuer herum, die Telefondrähte liefen mit entsprechender Kartennachfrage heiß. Aber bei Älteren in der Gemeinde und darüber hinaus wurden Bedenken laut: „Darf man die Passion Christi in Form einer seichten Rockoper darbieten, wo doch Johann Sebastian Bach diese Bibeltexte so großartig vertont hat? Und darf ein solches Machwerk aus der Unterhaltungsmusik in einem Kirchenraum erklingen?“ Manche Kritiker gingen in ihrem Urteil noch weiter. Schon vor dem Anhören stand für sie fest: „Dieses Musical ist eine Gotteslästerung!“ Sehr bald war klar, dass hinter solcher Kritik mehr steckte als nur die Frage nach einem guten oder schlechten Musikgeschmack. Seit Jahren schon standen sich zwei kirchlich-theologische Richtungen gegenüber: auf der einen Seite die evangelikal-konservative Bewegung „Kein anderes Evangelium“, auf der anderen Seite die Anhänger einer besonders von jüngeren Pfarrern vertretenen modernen, weltoffenen Theologie.

Auch für mich als Vertreter der jüngeren Pfarrerschaft stand viel auf dem Spiel: Ist meine Christuskirche zu einer solchen offenen Begegnung mit einer modernen Christusdarstellung fähig oder nicht. Und wo wäre im Fall einer Ablehnung mein Platz? Der Kirchenvorstand wurde zu einer Sondersitzung einberufen. Während bei sonstigen Sitzungen meist nur Heizungskosten, Reparatur von Dachrinnen, Anstellung eines Hausmeisters oder dergleichen auf der Tagesordnung standen, ging es diesmal um das Verständnis der Wahrheit, um die richtige Auslegung der Bibel, um das Christusbild in unserer Zeit. Drei Stunden dauerte die Aussprache. Ziel war eine gemeinsame Stellungnahme, um die regelrecht gerungen wurde. Die positiven oder negativen Vorurteile über das Musical, die jeder mitgebracht hatte, wurden auf den Prüfstand gestellt, jeder kam zu Wort und, was noch besser ist, jeder fand auch Gehör bei den anderen. So stellte sich ein Geist des Vertrauens ein. Am Ende kam es zur Abstimmung: Einmütig stimmte der Kirchenvorstand der geplanten Aufführung zu mit einer Bedingung: Zu Beginn der Aufführung sollte den Konzertbesuchern in aller Kürze erläutert werden, warum Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch in der Mitte unseres Glaubens steht.

Rückblickend hat der damalige 1. Pfarrer und Prodekan Friedrich Spiegel-Schmidt in der Festschrift „75 Jahre Christuskirche München 1900-1975“ die Entscheidung des Kirchenvorstands so beschrieben: „Es war für unseren Kirchenvorstand eine besondere Erfahrung, dass die in keiner Weise böse gemeinte Aufführung des ‚Jesus Christ Superstar‘ in Form eines Oratoriums einen Proteststurm hervorrief, der in manchem Formen einer Hexenjagd annahm. Dabei waren die 2000 jungen Menschen, die hier die Kirche bis auf den letzten Stehplatz füllten, zum großen Teil tief beeindruckt.“

Neben der beeindruckenden Aufführung war für mich das Erlebnis denkwürdig, wie Menschen mit unterschiedlicher Frömmigkeit, ja mit einem fast gegensätzlichen Bibelverständnis aufeinander zugehen und eine gemeinsame Basis finden können. Die Aussprache und Entscheidung des Kirchenvorstands zugunsten der Musical-Aufführung hat mich darin bestärkt: Dies ist meine Christuskirche.

In den Tagen vor und während der Aufführung ging es dramatisch zu. Von außerhalb unserer Gemeinde nahm die Ablehnung immer bedrohlichere Formen an. Es gab sogar die anonyme Androhung einer gewaltsamen Verhinderung der Veranstaltung. So mussten wir etwas tun, was es vorher und nachher nie gegeben hat, wir mussten für die Christuskirche vorsorglich um Polizeischutz bitten, der auch – zum Glück unauffällig – gewährt wurde. Zwei oder drei Tage vor der Aufführung war ich in der Münchner Innenstadt selbst Zeuge, wie ein verdienter alter Klinikseelsorger von einer Litfaßsäule das dort hängende Christuskirchenplakat mit eigenen Fingern grimmig abkratzte. Da wurde mir endgültig klar, mit welch zorniger Erregung wir bei den Gegnern zu rechnen hatten. Die Spannung war groß. Endlich war es so weit. Die überwiegend jugendlichen Besucher strömten in die Kirche. Auf dem Vorplatz hatten sich etwa 20 Protestierer, unter ihnen auch ein Pfarrer der Laimer Paul-Gerhardt-Kirche, postiert. Sie verteilten Traktate gegen das „Teufelswerk Jesus Christ Superstar“. Ich ging auf den mir gut bekannten Kollegen zu, um mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihm die Haltung unseres Kirchen-vorstands zu erläutern. Aber er konnte oder wollte gar nichts hören, er hat mich nicht einmal wahrgenommen, stattdessen drückte er mir seinen Zettel in die Hand und sagte mit erstarrter Stimme: „Dies ist der Protest von gläubigen Christen gegen die Gotteslästerung in der Kirche.“

Dort in der Kirche war von Gotteslästerung nichts zu spüren. Viele Zuhörer waren nicht nur von der Musik Lloyd Webbers und ihrer Darbietung durch Christian Kabitz, sondern auch von dem Geschehen um das Kreuz Christi tief beeindruckt. Das zeigte sich in langen Gesprächen im Anschluss an die beiden Aufführungen und in den Tagen und Wochen danach. Man könnte sagen, die Aufregung um „Jesus Christ Superstar“ hat sich gelohnt, um mit Paulus zu sprechen: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber“ (Phil. 1,19). Die Gegner werden das hoffentlich auch bald so sehen, dachte ich. Aber vier Jahre später wurde ich eines Besseren oder Schlechteren belehrt, und zwar am eigenen Leib.

Ende 1977, ich war seit mehr als 10 Jahren an der Christuskirche, stand ich vor der Überlegung, wie es mit mir als Pfarrer weitergehen soll. Eigentlich war ich jetzt an der Reihe, eine Pfarramtsführung zu übernehmen und dafür die Stelle zu wechseln. Meine Überlegung wurde konkret, als jener Kollege von der Paul-Gerhardt-Kirche in den Ruhestand gegangen und seine Stelle zur Wiederbesetzung ausgeschrieben war. Leichte Zweifel, ob ich in Laim der Richtige wäre, beschwichtigte ich vor mir selbst mit der Einsicht, dass ein versöhnungsbereiter Theologe wie ich der dortigen Gemeinde ganz gut täte. Also bewarb ich mich und ging zuversichtlich in das Gespräch, zu dem mich der Kirchenvorstand neben zwei anderen eingeladen hatte.

Tatsächlich verlief der Abend freundlich, und zuvorkommend, und ich fühlte mich in meiner Hoffnung bestärkt, die Stelle zu bekommen – bis einer ganz am Schluss der Anhörung die Frage stellte, ob ich nicht damals in der Christuskirche für die Aufführung von „Jesus Christ Superstar“ verantwortlich gewesen wäre. Ich verwies auf den Kirchenvorstand und dessen einstimmigen Beschluss. Aber das genügte den Laimern nicht. Sie hakten nach: „Würden Sie denn heute eine solche Aufführung befürworten?“ Als ich wahrheitsgemäß mit „Ja“ antwortete, sank das Stimmungsbarometer merklich ab. Für eine Erklärung oder Aussprache blieb keine Zeit mehr. Ernüchtert machte ich mich auf den Heimweg. Spät nachts rief mich Kreisdekan Georg Lanzenstiel, der die Sitzung in Laim geleitet hatte, mit der Mitteilung an: „Der Kirchenvorstand der Paul-Gerhardt-Kirche hat sich mit 8:7 Stimmen gegen Sie und für einen anderen entschieden.“

Für mich bestand kein Zweifel: „Jesus Christ Superstar“ hat mich diese Stelle gekostet, aber das hat mir gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, mich auf die 1. Pfarrstelle an der Schwabinger Kreuzkirche erfolgreich zu bewerben. Die Christuskirche musste ich hinter mir lassen. Habe ich sie ganz vergessen? Nein, im Gegenteil, an der Kreuzkirche fand ich zwar eine sehr engagierte und individualistische Gemeinde vor, in der es oft wie in einem Bienenkorb zuging: mit viel Honig und gelegentlichen Stichen. Aber – und das hat in meiner Erinnerung einen hohen Stellenwert – das vertraute Nest voller Schutz und Geborgenheit mit einem Gefühl der Zusammengehörigkeit das gab und gibt es nur hier: in meiner Christuskirche.

Dr. Martin Bogdahn * 1936
In Ostpreußen geboren, wurde er Pfarrer der Bayrischen Landeskirche. Seine erste Pfarrstelle hatte er von 1967 bis 1978 an der Christuskirche. Später war er Pfarrer an der Kreuzkirche und Rundfunk- und Fern-sehbeauftragter der Bayrischen Landeskirche. Von 1990 bis 2001 leitete er als Ober-kirchenrat den Kirchenkreis München und Oberbayern und war ständiger Vertreter des Landesbischofs.
Gemeinsam mit Dekan i.R. Manfred Jahnel ist er Schirmherr der Stiftung Christuskirche. Martin Bogdahn lebt im Olympiadorf, nur einen Katzensprung von der Christuskirche entfernt.

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Gemeinde gestalten

von Sibylle Heyl

Man kann es sich kaum vorstellen, aber eine Zeitlang in den 80er Jahren gab es keinen Gemeindebrief für unsere Gemeinde. Pfarrer Köbler beschloss das 1986 zu ändern und suchte sich ein Team. In einer KV-Sitzung stellte er das Projekt vor; es wurde diskutiert, und es zeigte sich, dass Dekan Pfannschmidt sich energisch gegen dieses Unternehmen stellte: „Schon einmal probiert, gescheitert, zu teuer, keine Austräger, landet im Müll.“ Es kam zur Abstimmung, und Dekan Pfannschmidt wurde einfach überstimmt. Das traf ihn sehr, dass seine Argumente nicht ernst genommen worden waren. Sichtlich verärgert ließ er den Dingen seinen Lauf. Mit 16 Seiten im Kleinformat fingen wir an. Wer hätte gedacht, dass nach Jahren ein Magazin daraus werden würde, Hochglanz, bunt! Doch dass wir uns durchgesetzt hatten, freute uns noch lange.

Ein anderes Erlebnis: Wir wurden in den 90er Jahren eingeladen, unsere Abendmahlsgeräte zu einem kunsthistorischen Symposium ins Nationalmuseum zu geben. Herr Starick und ich sollten vom KV dabei sein. Ein kleiner Kreis versammelt, unsere Abendmahlsgeräte und die von St. Lukas waren aufgebaut. Ein junger Kunsthistoriker referierte – die Art der Verarbeitung, die besondere Ziselierung, die Goldschmiede Werkstatt Heiden – da ging die Tür auf: Ein hochgewachsener Herr, wallendes schwarzes Haar, auffallend gut angezogen, kam herein: Mooshammer, der Auftritt wie in einem Theater! Mit weißen Handschuhen durfte er die Taufschale von St. Lukas in die Hand nehmen, von seinem Vater gestiftet, auch „seine“ Taufschale und dringend renovierungsbedürftig. Wie er gekommen war, verschwand er, und am Ende hieß es, wir sollten unsere Abendmahls¬geräte wieder mitnehmen. Dafür stand nur eine harmlose Obstkiste bereit mit ein paar Küchentüchern. Etwas überrascht wickelten wir unsere Schätze entsprechend ein. Inzwischen war es dunkel und schüttete in Strömen. Wir ergatterten ein Taxi, und ich beschwor den Fahrer, vorsichtig zu fahren, es durfte keinen Auffahrunfall geben! Endlich am Dom-Pedro-Platz standen wir vor verschlossenen Türen: Fr. Roth, die Mesnerin, nicht da, ebenso Jahnels, also bei Krockers (Pfarrersehepaar Krocker) geläutet. Frau Krocker schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Nein, diese Kostbarkeiten wollte sie in ihrer Wohnung nicht haben! Auch nicht nur kurz! Wir konnten sie überreden, und beim nächsten Abendmahlsgottesdienst war alles wie immer. Vom Nationalmuseum bekamen wir wunderbare, große Aufnahmen, und dort wurde auch unsere Hostienschale, die leicht verbogen war, fachmännisch repariert. So war dieser erstaunliche Ausflug nicht umsonst gewesen.

Sibylle Heyl * 1932
zog 1979 mit ihrem Mann von Augsburg nach München. Zunächst trauerte sie noch der Augsburger Gemeinde nach, in der sie heimisch geworden war. Immer mehr wurde aber dann die Christuskirche zur geistlichen Heimat. Viele Jahre war sie Mitglied des Kirchenvorstandes, sechs Jahre lang in herausgehobener Position als Vertrauensfrau.

 

 

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(M)ein Ort des Glücks: Der Chor

von Gisela Mittelsten Scheid

Letztes Jahr, kurz vor Weihnachten, hatte ich im Gemeindehaus zu tun. Kaum angekommen, begegnete mir im Flur ein älteres Ehepaar, das von mir wissen wollte, ob und wann es mit seinen Enkeln in einen Gottesdienst am Heiligen Abend gehen könne. Kaum hatte ich berichtet, dass es sogar zwei Krippenspielgottesdienste für unterschiedliche Altersgruppen gäbe, kam eine ältere Dame auf mich zu, die wissen wollte, ob wieder die Feier für Alleinstehende am Heiligen Abend stattfände. Ich nannte die Uhrzeit und dass man sich nicht anmelden müsse. Ich war schon am Gehen, da öffnete sich abermals die Tür, und eine jüngere Frau fragte, übers ganze Gesicht strahlend, nach Angeboten der Gemeinde für ihre Tochter, mit der sie seit kurzem in der Nähe wohne. Ich zählte die ganze Palette auf: Kinderchor, Kindergottesdienste, Kinderbibelwochen…

Auf dem Heimweg war ich unheimlich stolz auf die Kirche, der ich angehöre – für jeden ist was dabei, ob jung oder alt, Familien oder Alleinstehende, Frauen oder Männer, treue Kirchgänger oder Zweifler. Und dabei habe ich das allerbeste, großartigste, beeindruckendste noch gar nicht genannt: Den Chor der Christuskirche!

Als ich von Nürnberg nach München zog und hier noch kaum jemanden kannte, war der Chor die erste Anlaufstelle zur Christuskirche und der Beginn vieler Freundschaften. Jetzt, nach 30 Jahren, kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen ohne diesen Chor! Der Chor sang bei unserm Hochzeitsfest, bei den Taufen und Konfirmationen unserer Kinder, bei allen 4 Taufen unserer Enkelkinder. Und den Gottesdienst zu meinem 60. Geburtstag krönte er mit Chören aus der Bachschen H-Moll-Messe. In diesen 30 Jahren Chor der Christuskirche gab es so viele Höhepunkte, dass es mir wirklich schwer fällt, ein paar herauszugreifen.

Singen ist eine wunderbare Gabe Gottes! In unserem Chor der Christuskirche dient sie einerseits der Verkündigung, und andererseits schafft das gemeinsame Singen ein einzigartiges soziales Gefüge, in dem man gemeinsam etwas bewirkt, das niemand alleine fertigbringen würde. Ein Chorklang wird ja aus ganz unterschiedlichen Individuen geschaffen, aus Jung und Alt, Frauen und Männern, aus einem Klangspektrum von ganz tief unten bis in höchste Höhen.

Unser berühmter Chorgeist ist nicht wirklich erklärbar – man muss sich nicht einmal besonders mögen, aber weil keiner allein einen Chor bilden kann und es doch auf jeden ankommt, weil ein einziger falscher Ton, ein falscher Einsatz, ein zu lang ausgehaltener Ton die Aufführung „schmeißen“ oder zumindest den Gesamteindruck empfindlich schmälern kann, sind wir in ganz besonderer Weise aufein¬ander angewiesen, und das schafft eine einzigartige Gemeinschaft, die über das gemeinsame Singen weit hinaus reicht.

Und so gibt es für uns nichts Schöneres als eine gelungene Aufführung, wenn wir spüren, dass wir unsere Zuhörer mit unserer Botschaft erreicht haben, wenn sich nach dem letzten Ton, nach der darauffolgenden atemlosen Stille die Spannung löst und langanhaltender Applaus die Mühen vieler anstrengender Proben belohnt – das sind so unglaublich beglückende Momente, die kann man gar nicht beschreiben!

Dieses einzigartige Gemeinschaftsgefühl drückt sich auch in ganz praktischer Solidarität aus: Wenn ein Chormitglied Hilfe braucht, wird es diese jederzeit im Chor finden! Der Wert einer Gemeinschaft zeigt sich besonders in schweren Zeiten! Als völlig überraschend unsere Silke am Morgen nach der ersten Chorprobe im Jahr 2006 starb, sehe ich uns noch auf dem Chorpodest sitzen, erschüttert, weinend einander festhaltend und erst allmählich eine Sprache findend für das Entsetzliche. In diesem schrecklichen Verlust spürten wir alle die tiefe Verbundenheit untereinander.

Wenn ich einen besonderen Höhepunkt meiner 30jährigen „Chorlaufbahn“ beschreiben soll, war das für mich wohl unser Jubiläumsgottesdienst im Jahr 2005 zum 100jährigen Bestehen unseres Chores, als wir in die überfüllte Christuskirche in sieben Reihen einzogen mit dem Kanon „Jubilate Deo“, völlig überwältigt von dem Bewusstsein: „Hundert Jahre - und wir sind dabei!“

Weil unser Chor für unsere Christuskirche, für mich und für die meisten anderen Chormitglieder so wichtig ist, muss es ihn einfach immer geben! In unserer Jubiläumsfestschrift habe ich deshalb u.a. geschrieben: "Wir haben bei unseren Redaktions- und Autorensitzungen viel an unsere zukünftigen Kollegen gedacht und daran, dass sie es nach weiteren 100 Jahren dank unserer Vorarbeit mit ihrer „Zeittafel“ leichter haben werden – vorausgesetzt, sie glauben an die Zukunft des Chores! Wir tun das – und grüßen Euch Zukünftige zum 200jährigen Jubiläum!"

Gisela Mittelsten Scheid * 1948
stammt aus einem kleinen mittelfränkischen Dorf, ist Katechetin und Sozialpädagogin, zog „der Liebe wegen“ 1983 nach München, wohnt seitdem mit ihrer Familie in Gern und singt fast genauso lange im großen Chor der Christuskirche, setzt sich in vielfältiger Hinsicht für den Chor ein, hat den „Verein zur Förderung der Musik an der Christuskirche“ mit gegründet und ist seit dessen Beginn 2. Vorsitzende in diesem Verein, hat durch den Chor ihren Platz in der Gemeinde gefunden, gehört zum Kreis der Lektoren und hat sich u.a. auch um die Renovierung unserer verlotterten Kirchentoilette verdient gemacht.

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Ein Ort der Selbstfindung, der Entwicklung

von Melina Cosentino

Liebe Gemeinde, es gibt einen ganz besonderen Grund dafür, dass ich heute hier stehen kann. Dafür, dass ich als 15jähriges, unerfahrenes und eigentlich wirklich noch junges Mädchen hier vor Ihnen, die so viel mehr Ahnung haben vom Reden und Referieren, stehen und diese Rede halten kann.

Vor zwei Jahren noch war ich viel mehr dieser kleine, schüchterne, ruhige und zurückhaltende Teenager, der alles getan hätte, um bloß nicht solch ein Risiko einzugehen. So viele Dinge, die man falsch machen kann! Wörter, die man falsch aussprechen, Sätze, die man verhaspeln kann. So viele Möglichkeiten zu scheitern auf so einem Rednerpult, vor so einem Publikum.

Aber das bin ich nicht mehr, und ich weiß auch ganz genau, wieso: Vor 2 Jahren etwa fing meine Zeit als Konfirmandin an. Ich war, wie eben beschrieben, genau so, wie man es erwartet von einer 13jährigen, brachte mich zwar gerne ein und übernahm auch mal die Führungsrolle in einer Gruppenarbeit, jedoch immer mit Bedacht, nicht zu viel Risiko einzugehen. Man könnte sich ja lächerlich machen.

Irgendwie habe ich es immer gespürt. Ich hatte nie wirklich Scheu davor, mich im Unterricht einzubringen, mich zu melden, wenn sich niemand sonst traute. Ganz im Gegenteil zu manchen meiner Klassenkameraden.

Wir, die Konfis, saßen also alle in Gruppen aufgeteilt an Tischen im großen Saal und sollten eine Aufgabe lösen: Ein Ei sollte so verpackt werden, dass man es aus 5 m Höhe fallen lassen kann, ohne dass es kaputt geht. Wir bastelten also, und als wir fertig waren, musste einer unser Werk den anderen vorstellen. Niemand wollte so richtig, und ich freute mich. In dem Moment hatte ich keine Angst, ich sprach einfach, versuchte möglichst mit Witz unseren etwas missratenen "Egg-Protector" vorzustellen. Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht und redete einfach drauf los. Als ich dann fertig war, schauten mich alle plötzlich ganz seltsam an.

Ich fing schon an zu überlegen, was ich jetzt falsch gemacht haben könnte, als Uli (Pfarrer Ulrich Haberl) sagte "Wie lange hast du dir jetzt überlegt, was du sagst?" Und lächelte. Ein Kompliment, ein echtes Kompliment war das. Kurz darauf sagten einige meiner Gruppenkameraden "Du kannst so gut reden!". Diesen Satz hörte ich an diesem Wochenende noch öfter. Niemals hatte mir jemand zuvor gesagt, dass ich mich gut ausdrücken kann. Niemals hatte ich auch nur geahnt, dass ich dort ein Talent hatte. Immer hatte ich Lust zu sprechen, aber nie hatte ich daran gedacht, dass ich es gut kann.

Dieses Erlebnis gab mir viel Selbstvertrauen. Die Gewissheit, eine Stärke zu haben, etwas, das ich wirklich gut kann. In dem nächsten Jahr entwickelte ich mich sehr. Aus dem eher schüchternen Mädchen mit wenig Selbstvertrauen wurde aus mir das, was ich jetzt bin. Ich weiß, was ich will, und selbstsicher bin ich auch.

Dieser Raum, diese Kirche, diese Menschen, all das hat mich bei meiner Entwicklung begleitet. Konfirmiert werden bedeutet die Kindheit abschließen, das hat Uli mal gesagt. Es bedeutet erwachsen werden, selbstsicher, offen, bestimmt. Ohne diesen Ort wäre ich jetzt nicht so, wie ich bin. Meine Christuskirche bedeutet für mich ein Ort der Selbstfindung, der Entwicklung. Ohne diesen Ort könnte ich heute hier nicht stehen. Danke.

Melina Cosentino * 1998
feierte 2012 ihre Konfirmation in der Christuskirche. Seitdem gestaltet danach Konfirmandenkurse als Mitarbeiterin im „Konfi-Team“ mit.

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